»Kurt,« sagte sie halblaut.

In dem jungen Mann begehrte es auf. Er umklammerte den Säbelgriff krampfhaft und sagte:

»Es tut mir aufrichtig leid, daß du für Marschalls so wenig Sympathien hast, liebe Tante; es sind wirklich recht umgängliche Menschen.«

Die hagere Gestalt auf dem Sofa schien zu wachsen. Ihre Augen nicht von der Arbeit wendend, bot sie ein Bild vollkommener Ruhe. Nur die Finger tanzten emsig, und der Faden machte verzweifelte Kreuz- und Quersprünge. Der Neffe verspürte einen Hauch eisiger Kälte, der von dem grell gemusterten Sofa ausging. Da ließ Tante Sidonie plötzlich die Hände in den Schoß sinken.

»Du weißt, wie man von Marschall spricht,« versetzte sie.

Kein Fremder hätte aus dem ruhigen Ton ihre innere Erregung herausgehört. Tante Sidonie war viel zu sehr Dame, daß sie ihre Gereiztheit jemals verraten hätte. Allein der Neffe verstand sie.

»Es herrschen jetzt ungewöhnliche Zeiten, liebe Tante,« antwortete er beschwichtigend. »Auf der Seele des Volks liegt ein Druck. Allerorts ist man der Meinung, daß die verantwortlichen Männer den König schlecht beraten. In beiden Kammern des Landtags spricht man dies unverblümt aus, und in den öffentlichen Versammlungen fallen erregte Worte. Die große Masse verhält sich ja ruhig; aber in den Herzen zittert der Widerhall dieser Reden nach und schürt die tiefe Unzufriedenheit, die im Lande herrscht. Bei uns ist es noch nicht einmal so schlimm wie anderwärts. Der König sei wohlgesinnt, sagt man allgemein, aber der Einfluß auf ihn wäre verhängnisvoll. Und unter den Ministern besteht keine Einigkeit. Ein paar Heißsporne aus der Mitte der Abgeordneten reden fortgesetzt Unüberlegtheiten und reizen auf. Dazu die stürmischen Verhandlungen im Frankfurter Parlament und die blutigen Aufstände in den Nachbarländern. Aber unser gutmütiges sächsisches Volk gelüstet es nicht nach Ausschreitungen. So etwas wie die Berliner Märztage könnte bei uns nie vorkommen. – Es wird sich ja alles noch klären.«

Kurt Allmer hatte anfänglich erregt gesprochen. Aber im Laufe seiner Rede hatte er sich wieder beruhigt. Tante Sidonie hatte sich inzwischen wieder ihrer Arbeit erinnert und häkelte emsig weiter. Freilich war ihre äußerliche Ruhe trügerisch. Dennoch hob sie die Augen nicht auf, als sie entgegnete:

»Advokat Marschall steht mitten in der Bewegung, die gegen den König gerichtet ist …«

»Nicht gegen den König,« fiel Kurt Allmer ihr ins Wort, »sondern gegen die Regierung!«