»Nein, nein,« wehrte sie hastig ab, »es ist nichts; ich bin ganz wohlauf.«
Während sie dies sprach, sah sie auf den Teppich nieder. Kurt betrachtete aufmerksam Ursulas Gesicht. Es erschien ihm schmal, wie er es noch nicht beobachtet hatte. Sie mußte leiden. Zärtlich nahm er ihre Hand und streichelte sie. Ursula tat ein paar tiefe Atemzüge. In der nächsten Sekunde stand sie auf, als wenn sie ihre innere Bewegung verbergen müßte, ging zum Tisch und ergriff die eiserne Lichtschere, die neben dem Leuchter lag.
»Sieh, Kurt,« scherzte sie und machte einen schwachen Versuch, zu lächeln, »die Lichtschnuppe neigt sich dir zu. Du wirst bald einen Brief bekommen oder eine Neuigkeit hören.«
So sprechend, putzte sie sorgfältig die Flamme wieder hell.
Kurt hatte sich gleichfalls erhoben und stand nun neben ihr. Beide schwiegen. Der Schein der Kerze lag voll auf dem bleichen Gesicht des Mädchens. Kurt sah die herabgesenkten Augenlider, umrandet von langen, sammetnen Wimpern, und den feingeschnittenen Mund.
Da fiel plötzlich die eiserne Lichtputzschere laut auf den Tisch nieder, und im nächsten Augenblick warf Ursula schluchzend ihre Arme um seinen Hals und lehnte sich willenlos an ihn. Von tiefer Bewegung übermannt, setzte sich Kurt auf einen Stuhl und zog die heftig Weinende auf seinen Schoß nieder. Ihre Wangen lagen aneinander, und der junge Mann fühlte Ursulas Tränen auf seinem Gesicht.
Kurt versuchte nicht, diesen jähen Tränenstrom aufzuhalten, dessen Grund Ursula aller Fassung beraubt hatte. Er drückte die Schluchzende sanft an sich, flüsterte ihr alle Schmeichelnamen leise ins Ohr, die er ihr gegeben, und streichelte ihre Wangen. Endlich wurden die schweren Atemstöße leichter. Das Weinen ließ nach, und das Mädchen wurde ruhiger. Sie griff nach ihrem Taschentuch und trocknete die Tränen.
»Geliebte,« sagte Kurt in tiefer Bewegung, »ich habe dich betrübt, ich weiß es. Verzeihe mir.«
Ursula hob den niedergesunkenen Kopf auf und sah ihn mit einem Blick voll unendlicher Liebe an.
»Kurt,« antwortete sie leise, die Augen noch voll Tränen, »wenn du doch öfter an mich denken wolltest. Empfindest du nicht, wie schwer ich darunter leide?«