Wer abseits vom Tageslärm aufmerksam gelauscht, der hätte den eisernen Tritt der schweren Zeit vernommen, mit dem sie über das sächsische Land hinwegschritt. In diesen Tagen bereitete sich ein bitterernster Abschnitt der Geschichte des jungen Königreiches vor. Die von Kugeln durchlöcherten Blätter, worauf Klio mit zitterndem Griffel die kommenden Geschehnisse niedergeschrieben, tragen Blutspuren, und ihre Ränder hat das Feuer versehrt.

Am Morgen nach dem Feste bei Marschalls mußte Kurt an einer Felddienstübung teilnehmen, zu der zwei kriegsstarke Kompagnien auf den »Heller« rückten. An seiner Stelle beaufsichtigte ein Sergeant das Rekrutenexerzieren.

Die Übung dehnte sich so lange hin, daß die Truppen erst am späten Nachmittag wieder in der Kaserne eintrafen. Obgleich Kurt sehr müde war, kleidete er sich nach dem Essen rasch um und begab sich zu Ursula. Als er das Abendrothsche Haus erreichte, war es schon dunkel.

Der alte Kriegsrat hatte sich frühzeitig zu Bett gelegt, und Ursula war allein im Zimmer. Sie saß in dem hohen Lehnstuhl des Großvaters und blickte gedankenschwer in die Flamme der auf dem Tisch stehenden Kerze.

Bei Kurts unvermutetem Eintritt fuhr Ursula auf. Langsam kam sie ihm ein paar Schritte entgegen. Plötzlich blieb sie jedoch stehen, und als Kurt sie umschlang, fühlte er, daß sie heftig zitterte. Diese Wahrnehmung steigerte seine Befangenheit, die er schon auf dem Wege verspürt hatte.

Er führte das Mädchen zu dem großen Stuhl zurück und nötigte sie sanft zum Sitzen. Dann zog er sich einen Sessel heran, und nun plauderten sie von gleichgültigen Dingen.

»Geht es deinem Großvater nicht gut, Ursula?« fragte Kurt.

»Er fühlt sich nicht schlechter als sonst,« antwortete sie in müdem Ton. »Aber gerade heute Nachmittag war ihm gar nicht wohl. Deshalb ging er so früh schlafen.«

»Du bist doch nicht krank, liebe Ursula?« forschte Kurt mit heimlichem Bangen, »du siehst bleich aus!«