»Argwöhne nicht, liebe Ursula,« fiel Kurt ihr ins Wort, »daß die Bewegung im Volke grundlos und etwa auf den Umsturz gerichtet sei. Die besten Namen sind mit ihr verbunden.«
»Ich weiß es,« versetzte das Mädchen. »Der Großvater sagt zwar immer, die Leute seien verblendet und wüßten nicht mehr zu unterscheiden zwischen den nationalen Forderungen, denen auch die der Bewegung Fernstehenden zustimmten, und den inzwischen heraufgekommenen staatsfeindlichen Bestrebungen. Er sähe den Dingen auf den Grund, denn er sei ein alter Mann, dem das Leben die Sinne geschärft habe.«
»Dein Großvater irrt, wenn er etwa meint, daß die Führer das Bestehende zerstören wollen. Aber in den alten Grundpfeilern des Staatsgefüges sind viele Steine verwittert. Die sollen durch frische ersetzt werden, bevor der morsche Bau zusammenbricht.«
Ursula wußte hierauf nichts zu erwidern. Der Geliebte sprach ja förmlich begeistert; vielleicht hatte der Großvater doch unrecht.
»Sei es, wie es wolle,« versetzte sie fügsam, »nur um das eine bitte ich dich, lieber Kurt, vergiß mich nicht über diesem allen.«
»Ich werde dir niemals wieder Grund geben, traurig zu sein,« antwortete er herzlich. Damit war Ursula zufrieden.
Nun unterhielten sie sich noch eine Zeitlang, bis sich Kurt erhob und Abschied nahm.
»Empfangt ihr denn nicht manchmal Besuch in eurer Abgeschiedenheit?« fragte er.
»Solange der Großvater sich noch viel Schonung auferlegen muß, bitten wir niemand zu uns,« antwortete Ursula, »natürlich nehmen wir auch keine Einladungen an. Nur selten kommt jemand auf einen kurzen Besuch. Sie wissen nicht, ob sie gern gesehen sind. Witterns sprechen ab und zu vor und meine Freundin Amalie von Zehmen.«
Beim Klange dieses Namens zuckte es in Kurts Mundwinkeln. Die Zehmen war eine ältere Jungfrau mit überfreundlichem Getue und einer gefürchteten Zunge, die schon manches Unheil angerichtet hatte. Er konnte ihre süßliche Art nicht ausstehen. Aber er schwieg.