Beim Abschiednehmen empfand Kurt noch einmal Ursulas ganze Hingebung. In unsäglicher Bangigkeit hielt sie ihn umschlungen, erwiderte seine Küsse innig und bat ihn zögernd noch einmal, sie nicht allzu lange auf sein Wiederkommen warten zu lassen. Kurt versprach es und nahm bewegten Herzens und mit einer seltsamen Beklommenheit von Ursula Abschied – – –
Es war ein milder Frühlingsabend, Ausgangs April. Kurt schritt langsam die Glacisstraße hinunter, um Tante Sidonie noch auf ein Stündchen zu besuchen. Als er über den Bautzner Platz gegangen war und in die Königstraße einbiegen wollte, hörte er hinter sich eine bekannte Stimme rufen:
»Guten Abend, Herr Leutnant!«
Kurt wandte sich rasch um und erkannte Valentine Marschall. Sie trug einen langen, dunkeln Mantel und hatte den Kopf in ein weißes Tuch gehüllt.
»Sie sehen ja heute Ihre besten Freunde nicht,« sagte sie lächelnd und streckte ihm die Hand entgegen.
Kurt war höchlich überrascht. Und er empfand zum erstenmal bei Valentinens Anblick ein leises Gefühl von Unbehagen. Aber er faßte sich rasch und murmelte eine Entschuldigung. Valentine wehrte ab.
»Ich bin heute abend zu Lindemans eingeladen,« plauderte sie. »Begleiten Sie mich dahin, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.«
Kurt erklärte sich gern bereit. Er hätte nur die Absicht gehabt, seiner Tante guten Abend zu sagen. Erwartet würde er nicht. Damit bot er Valentine den Arm, und nun schlenderten sie um den einsamen Platz.
»Wissen Sie denn auch schon, welch wichtiger Vorgang sich heute in der Ersten Kammer zugetragen hat?« fragte Valentine lebhaft.