Die Vormittagstunden schlichen dahin; jeder merkte, daß das Exerzieren nur abgehalten wurde, um die Zeit hinzubringen. Niemand war richtig dabei. Und eine gedrückte Stimmung, die auf allen wie Blei lastete, verhinderte selbst das Aufkommen des alten Soldatenhumors, der schon über manche ernste Stunde hinweggeholfen hat.
Unter den Soldaten der damaligen Zeit herrschten die erheblichsten Altersunterschiede. Es gab welche, die kaum das siebzehnte Lebensjahr erreicht und wiederum Unteroffiziere, die die Fünfzig überschritten hatten. Unter ihnen waren Verheiratete, deren Frauen eine Wirtschaft betrieben oder einen kleinen Kramladen besaßen. Der Dienst endete zumeist zeitig am Abend, und die Mannschaften hatten viel freie Zeit, die sie im engen Verkehr mit dem Kleinbürgertum verbrachten.
In den letztverflossenen Jahren hatte es unter der sächsischen Bevölkerung gewaltig gegärt, und die Stimmung gegen die Armee war verbittert. Der Soldat erfreute sich lange nicht mehr der hohen Schätzung wie nach den Freiheitskriegen, sondern wurde über die Achsel angesehen.
Als sich aber der Unwille des Volks gegen die Regierung steigerte, änderte sich das Verhalten der bürgerlichen Kreise. Sie versuchten, unter den Mannschaften Mißstimmung zu erregen und besonders die Unteroffiziere für ihre Ideen zu gewinnen.
So hatte es sich, vornehmlich während der letzten Monate, vielfach zugetragen, daß nicht nur einfache Männer aus dem Volke, sondern auch Vertreter des gehobenen Bürgerstandes in den Wirtshäusern mit Soldaten zusammensaßen, ihnen Bier und Branntwein reichen ließen und Zigarren darboten. Man hätte sich früher geirrt, wurde den Arglosen versichert, wenn man sie gehaßt und vertierte Söldlinge genannt habe. Der einfache Soldat sei ein Freund des Volks, und man müsse ihn schätzen! Er allein verstünde die große Not, die jetzt im Lande herrsche! Er gehöre zum Volk und fühle mit ihm! Aber die Offiziere –!
So war es nicht schwer gewesen, den Beifall manches Leichtgläubigen zu gewinnen. Und die Zuversicht weiter Kreise, die Disziplin der Armee zu lockern, war erheblich gewachsen. Man hatte sich immer mehr mit dem Gedanken vertraut gemacht, die Truppen im Ernstfalle gegen die Regierung zu benutzen.
Aber der Gang der Ereignisse bereitete den Zuversichtlichen die schwersten Enttäuschungen. Der Soldat nahm die Darbietungen schmunzelnd an und ließ sich Bier und Zigarren gut schmecken. Er nickte zu den Anklagen beistimmend und schimpfte unter der Einwirkung des Branntweins zuweilen wohl auch auf die Zustände und auf gewisse Offiziere, die durch Strenge unbeliebt waren. Den guten Soldatengeist konnten diese Wühlereien aber nicht ertöten. Der Soldat erinnerte sich seiner Mannszucht in dem Augenblick, als er sah, daß die Sicherheit des Thrones und der Frieden des Landes ernstlich gefährdet waren.
Die Truppen taten ihre Schuldigkeit. Und ihre Erbitterung wuchs, je mehr sich die Hartnäckigkeit steigerte, mit der ihnen die Aufrührer während des Straßenkampfes Widerstand leisteten. –
Kurt ging während des ganzen Tages mit verstörtem Gesicht umher. Seine Kameraden beobachteten, wie schwer er seelisch litt und schoben es auf die große Enttäuschung, die er mit seinen lange gewahrten Sympathien für die bürgerliche Bewegung erlebt hatte. Anfänglich versuchten sie, den Schweigsamen aufzuheitern. Aber sie gaben ihre Bemühungen auf, als sie erkannten, daß sie fruchtlos waren.