Wieder war es Abend geworden, als Kurt einsam in seinem Zimmer saß. Da wurde ihm eine Dame gemeldet. Es war Tante Sidonie. Das alte Fräulein hatte all ihre, jederzeit streng gewahrte Feierlichkeit verloren. Sie war völlig fassungslos und konnte vor innerer Bewegung kaum sprechen.

Ihre stumme Hilflosigkeit rührte Kurt. Er sah, wie tief sie erschüttert war. Ganz gebrochen saß sie auf der Stuhlkante, und ihre schmalen, weißen Hände zitterten beständig.

Endlich bat sie ihn, ihr alles zu erzählen. Sie wäre heute bei Abendroths gewesen und hätte auch die Zehmen dort getroffen. Aus ihrem Munde habe sie die schweren Anklagen vernommen, die gegen ihn gerichtet würden.

Kurt schüttete der Tante sein Herz aus. Es tat ihm wohl, zu einem vertrauten Menschen sprechen zu können. Er begann damit, wie er Valentine Marschall kennen gelernt, schilderte seine Besuche bei ihren Eltern und verschwieg nicht den tiefen Eindruck, den das geistig hochstehende Mädchen auf ihn gemacht. Anfänglich hätte sie durch ihre Klugheit sein Interesse geweckt, dann hatte er ihren edlen Charakter erkannt und sie hoch geschätzt, bis er schließlich entdeckt, daß sich ein warmes Gefühl für das Mädchen leise in sein Herz geschlichen. Damit hätten auch die schweren seelischen Kämpfe begonnen, unter denen er viel gelitten.

Als er dies sagte, lösten sich Tante Sidoniens ineinandergerungenen Hände und tasteten zitternd über die Falten des Kleides in ihrem Schoß. In dem Herzen des alten Fräuleins mochten verklungene Lieder aus der Jugendzeit leise wieder erklingen, und verblichene Bilder stiegen wohl in ihrer Seele herauf, die sie längst vergessen geglaubt. Damals mochte auch bei ihr der Zorn aufgeflammt sein, als ihre zartesten Mädchengefühle tief verletzt wurden. Heute urteilte sie milder. Die Zeit hatte den bitteren Schmerz geläutert, und in der Seele der alt gewordenen Jungfrau war ein großes Verzeihen langsam herangewachsen.

»Sage mir alles, Kurt,« bat sie unter leisem Weinen.

Da schilderte er den Verlauf seiner Beziehungen zu Valentine Marschall, sprach von seinen Sympathien für das Programm der demokratischen Partei, von den Zweifeln an der Rechtmäßigkeit und Billigkeit ihrer Forderungen, die an ihm immer wieder heraufgestiegen seien, und endlich von der Stunde, in der die Binde von seinen Augen gefallen war.

»Ich weiß, daß ich gegen Ursula gefehlt habe,« fuhr Kurt fort. »Aber ihr reines Bild ist auch während der Tage meiner Schwachheit nicht aus meinem Herzen verdrängt gewesen. Zu derselben Stunde, in der ich erkannte, daß ich den Forderungen der demokratischen Partei aus Überzeugung nicht mehr beistimmen konnte, wich auch mit einem Schlag alle Schwäche von mir, die der Grund meines Schwankens zwischen Valentine und Ursula gewesen war. Schon vor diesem Zeitpunkt hatten sich meine Empfindungen für Valentine Marschall, wie ich dunkel empfand, heimlich gewandelt. Ich bewunderte und schätzte das geistvolle Mädchen mehr, als ich noch Zuneigung für sie hegte.

Der Bruch mit den Demokraten verscheuchte auch mein Zaudern und hieß mich handeln. Ich teilte Valentine Marschall meine politische Wandlung mit und sagte ihr für immer Lebewohl, wobei ich nicht unterließ, sie in mein Inneres blicken zu lassen. Heute bin ich mehr als je davon überzeugt, daß sie ein hochherziger Charakter ist.

Als es mich sodann drängte, Ursula alles zu gestehen und um Verzeihung für meine Schuld zu bitten, war es zu spät. Ich zürne ihr nicht, denn ich habe ihr Vertrauen schlecht belohnt und ihre reinen Empfindungen verletzt.«