Tante Sidonie hatte dieses Geständnis stumm und mit abgewendetem Gesicht angehört. Ihre Haltung war gebrochen. Alle Beherrschung war von ihr gewichen. Sie verstand, wie hier jeder Versuch zu versöhnen, vergeblich sein mußte.
An diesen beiden Menschen hing Tante Sidonie mit ihrem ganzen Herzen. Ihre Brust hatte von Jugend an das große Sehnen erfüllt, Liebe zu geben und zu empfangen. Doch hatte sie nie einen Menschen in ihr Inneres blicken lassen und ihre Weichheit stets unter einer zurückweisenden Haltung verborgen. So war die unerfüllt gebliebene Sehnsucht mit ihr alt geworden. An Kurt, den Sohn ihrer verstorbenen Lieblingsschwester, hatte sich ihr Herz geklammert. Sein Glück sollte das ihrige sein! Deshalb hatte er ihre Liebe, ohne es zu wissen, mit Ursula teilen müssen. Im Träumen und Wachen waren die beiden jungen Menschen ihr ein und alles gewesen! – Und nun – – –?
Lange saßen Kurt und Tante Sidonie mit gesenkten Augen wortlos einander gegenüber.
Endlich sagte das alte Fräulein tonlos:
»Was wird die Zukunft noch an Schlimmem bringen!«
Kurt stand auf.
»Was sie auch bringen mag, liebe Tante,« versetzte er in tiefem Ernst, »ich werde mit dem Schicksal nicht hadern, sondern es in Geduld auf mich nehmen.«
Da erhob sich auch Tante Sidonie, küßte den Neffen mit zuckenden Lippen und ging still wieder fort, wie sie gekommen war.
Blutigrot stieg am Morgen des verhängnisvollen Donnerstags die Sonne herauf. Man schrieb den 3. Mai 1849. Als das Frühlicht hinter den Loschwitzer Höhen aufglimmte und die ersten Sonnenstrahlen die Kirchturmspitzen der sächsischen Hauptstadt vergoldeten, als die Milchfuhrwerke über das holprige Straßenpflaster rollten und in der alten Infanteriekaserne auf der Hauptstraße die schmetternden Töne der Reveille die Schläfer weckten, da herrschte in der Altstadt schon reges Leben.