Während der ganzen Nacht war bei Laternenschein rastlos an der Aufrichtung der Barrikaden gearbeitet worden. Das Straßenpflaster und die Granitplatten der Bürgersteige lieferten hierzu ausgezeichnetes Material. Ein Meister von Ruf hatte ihren Bau geleitet und sein Bestes für das Gelingen eingesetzt, so daß ihre Festigkeit, wie sich erweisen sollte, selbst der furchtbaren Gewalt der Zwölfpfünder spottete. Die meisten Barrikaden waren fünf Ellen stark und reichten bis zum ersten Stockwerk der Häuser. Die beiden stärksten standen auf der Moritzstraße, Ecke Neumarkt, und bei Stadt Gotha.
In den frühesten Morgenstunden begannen von auswärts die Zuzüge der Bewaffneten. Aus der Oberlausitz, aus Leipzig, Freiberg und Riesa, aus den Bergwerken des Erzgebirges, den dichtbevölkerten Weberdörfern des Vogtlandes und den großen Bezirken der Zwickauer Kohlenschächte eilten die Männer in starken Tagesmärschen heran. Besonders zahlreich stellten sich die Turner und Studenten ein. Auch befand sich unter der Menge eine erhebliche Anzahl Polen, deren Sammelpunkt das Café français war.
Jeder Schwarm wurde von dem im Rathaus andauernd tagenden Sicherheitskomitee begrüßt, und die den Altmarkt bedeckende Menge jauchzte den Eintreffenden in überschäumender Begeisterung zu. »Revolutionshimmel!« – »Barrikadenwetter!« – »Retter des Vaterlands!«
Die Kommenden brachten eine überraschende Anzahl von Zündnadelgewehren und Spitzkugelbüchsen mit. Viele der Männer waren sichere Schützen, die ihre Schießfertigkeit in den heimatlichen Schützengilden längst erprobt hatten.
So zeigte sich schon mit Sonnenaufgang in den Straßen eine ungewöhnliche Bewegung. Die dem Tumult gegenüber ohnmächtigen städtischen Behörden sandten am Vormittag noch einmal eine Abordnung ins Schloß, darauf hinweisend, daß die aufs höchste gestiegene Leidenschaft des Volks schon in der nächsten Stunde zum Ausbruch kommen könne.
Der Monarch empfing diese Abordnung tiefernst und wiederholte, daß er die Reichsverfassung alsbald anerkennen und die Kaiserkrönung billigen werde, wenn Preußens König darein willigte. Ohne Preußen könne aber kein machtvolles, großes Deutschland erstehen, nur ein zerstückeltes und uneiniges. – Während diese Worte fielen, umstanden Tausende und aber Tausende das Schloß und harrten ungeduldig der Entscheidung.
Die Kommunalgarde wurde durch anhaltende Glockenschläge vom Kreuzturm herab zusammengerufen. Aber auch in ihren Reihen gärte es gewaltig. Und unter den friedlich Bleibenden gab es ihrer viele, die in Uniform und Bewaffnung alten, biederen Landsoldaten glichen und die ganz außerstande waren, gegen entfesselte Volksleidenschaften zu kämpfen. Dazu wurden die Massen auf der Wilsdruffer Gasse, auf dem Altmarkt, dem Postplatz und vor dem Zeughaus immer aufgeregter.
Beim Linienregiment Albert war für den heutigen Vormittag kein Dienst angesetzt. Die Kompagnien hielten sich zum Abrücken bereit. Kein Mann durfte das Kompagnierevier verlassen; die Leute blieben in den Stuben versammelt. Die Seitengewehre mit Patronentasche waren umgeschnallt, und die Hosen steckten in den Stiefelschäften. Auf den Tischen lagen die gepackten Tornister mit aufgeschnalltem Feldkessel, die gerollten Mäntel und die gefüllten Brotbeutel. Daneben standen die Tschakos.
Gegen elf Uhr wurden die Kompagniefeldwebel auf das Regimentsbureau gerufen. Dort erfuhren sie unter anderem, daß alle Mannschaften auszurücken hätten, wenn der Befehl zum Abmarsch käme. Nur die Köche und die drei Unteroffiziere vom Kasernendienst sollten unter Hauptmann Zimmermann in der Kaserne zurückbleiben.
Diesen letzten Teil des Befehls hörte auch Heinrich, der sich mit seinen beiden Kameraden gerade beim Regimentsadjutanten als Unteroffizier vom Kasernendienst gemeldet hatte. Als er bei seinem, inmitten der Feldwebel stehenden Vater vorüberging, raunte ihm dieser mit finsterem Gesicht zu: