»Gevatter,« wandte er sich mit schlecht verhehltem Spott an Sorgenfrei, »mir scheint, wir bemühen uns heute umsonst, deine Beistimmung zu erhalten. Und doch verfechten wir nur die Sache der Bürgerschaft. Der Herr Amtmann hat dir's angetan! Hm … Vertreter einer der ältesten Adelsfamilien des Landes, hohes Amt, sehr angesehen bei Hofe – – – Rückgrat! Rückgrat!«

Peter Sorgenfrei richtete seinen gewaltigen Körper etwas höher auf, wie ein gereizter Löwe tut, der es aber verschmäht, sich auf seinen Angreifer zu stürzen. Doch das Zittern seiner tiefen Stimme verriet den Zorn, der in ihm aufgestiegen war. Die Gutmütigkeit des reichen Fleischhauers war in der Stadt sprichwörtlich. Um so mehr wirkte es deshalb, wenn er zornig wurde.

»Ich kann es keinem erlauben,« sagte er endlich, »an meiner Gesinnung als Vertreter der Bürger zu zweifeln. Alles, was ich für die Stadt tue, habe ich daraufhin geprüft, ob es ihrem Wohle dient. So hab' ich es gehalten von dem Tage ab, an dem ich mein Amt übernommen. Wenn die Bürgerschaft mit Peter Sorgenfrei nicht mehr zufrieden ist, möge sie sein Amt von ihm zurückfordern. Bis dahin aber übe ich es so aus, wie in all den Tagen, wo ich mit gutem Gewissen Gott und den Menschen Rechenschaft ablegen konnte.«

Der Hüne zwang sich bei dieser Rede zur Ruhe. Nur die mächtige Hand, die auf dem Tische lag, zitterte. Jetzt verrauchte sein Zorn schon wieder. Und in gemäßigterem Tone fuhr er fort:

»Dies alles ist dir genugsam bekannt, Waltklinger, wenn selbst du so verletzende Worte gebrauchst, wie eben. Denn gerade du bist es, der mich vor allen andern wohl am besten kennt. Aber ebensogut kenne ich dich, dein Herz und deine Klugheit. Aber auch deine Schwächen! Und da wir einmal bei dieser Aussprache sind, will ich auf halbem Wege nicht stehenbleiben. Männer, die eine vierzigjährige Freundschaft verbindet, dürfen ganz offen zueinander sprechen.

Bürger und Adel sind die Kinder einer Mutter. Ihre Aufgaben sind in vielen Dingen gemeinsame. Was läge näher als ihr Zusammenarbeiten zum Wohle des Landes! Anstatt dieses zu tun, liegen sie seit Jahrhunderten in erbittertem Streit und vergeuden damit gute Kräfte. Wir kennen die Ursachen des Haders, der sich täglich erneuert. Gefehlt wird hüben und drüben! Wem aber das Gedeihen der Heimaterde am Herzen liegt, der sollte vom Streit ablassen und sich zum Frieden geneigt zeigen. Das gilt für die Einsichtigen in beiden Lagern. Schon hört man unter den Adligen Stimmen, die den Hochmut ihresgleichen uns Bürgern gegenüber verurteilen. Wenn sich aber solche Freunde des Friedens uns nähern, werden sie kalt zurückgewiesen. Das frommt dem Frieden nicht!«

Peter Sorgenfrei beugte sich weit vornüber.

»Georg,« sagte er eindringlich, »so mich nicht alle guten Geister verlassen, dann werde ich recht behalten, wenn ich ausspreche: der Siebeneichener ist einer von denen, die vermitteln möchten. Prüfen wir uns einmal recht sorgfältig, ob in manchem Streit, den wir mit ihm hatten, nicht die Ursache bei uns gelegen hat. Sein Regiment ist straff, aber nicht hart, und seine Gerechtigkeit wird gerühmt. Zudem sind die Widerwärtigkeiten des religiösen Zwistes beseitigt, die auf dem Wege lagen, wie spitze Stiefel. Aber mehr als einmal habe ich empfunden, daß er unser Vertrauen suchte. Und könnten wir uns entschließen, ihm solches zu schenken, so wäre das der erste Schritt zur Freundschaft!

Also: starker Bürgersinn und Bürgerstolz in Ehren! Aber trotzig wollen wir nicht sein und einem guten Wort eine gute Statt einräumen. Wer uns einen Schritt entgegenkommt, dem wollen wir's mit zweien danken. Das dient dem Frieden, Georg, und fördert das Wohl der Bürgerschaft!«

Der reiche Fleischhauer erhob sich.