Der Propst war mit dem vollzähligen Domkapitel erschienen. Die Domherren trugen Gewänder von kostbaren Stoffen mit Pelzwerk verbrämt und mit reichgoldenen Stickereien.

Das Chor war angefüllt mit Vikaren und Großvikaren, Offizialen, Diakonen und Subdiakonen, die hinter den Kanonikern standen. Den noch freien Raum nahmen die Choralisten ein, die sich beim Betreten des Chors nach Osten und Westen verneigten und die den beiden Prälaten, Propst und Dekan, die schuldige Achtung durch Verbeugen erwiesen.

Zuletzt erschien unter einem Baldachin der Bischof in vollem Ornat, geschmückt mit Mitra und Brustkreuz und den Krummstab in den Händen. Zahlreiche Ministranten begleiteten ihn. Das Pontifikalamt begann, bei dem der Bischof die Messe zelebrierte.

Unter den am Eingang stehenden Andächtigen befand sich ein Mann, der mit sichtlicher Unrast seine Augen schweifen ließ und nicht viel von der Weihung vernehmen mochte, die sich gerade vollzog. – – In nomine Patris et Filii et Spiritus sancti. Amen – – – – Seine Sinne arbeiteten angestrengt, ein Gedanke von höchster Bedeutung mußte ihn erfüllen.

Wie im Traum vernahm er noch das Dominus vobiscum, Et cum spiritu tuo, Oremus. Dann versank er in tiefes Grübeln, aus dem ihn erst wieder das Kyrie eleison merkte. Als aber das Gloria in excelsis ertönte, hörte er nichts mehr. Nur beim Verklingen des Gesangs murmelten seine Lippen: Amen.

Die Opferung wurde vollzogen, die Händewaschung – Orate, fratres, ut meum – – – – Per omnia saecula saeculorum – – –.

Das Sursum corda zitterte durch den Raum, die heilige Wandlung stand bevor. Hier erwachte der Grübler für einen Augenblick, dann wurde sein Geist wieder hinweggezogen. Da traf ein von Jugend auf wohlbekannter Klang sein Ohr, der den Versunkenen in die Gegenwart hereinriß, – das Tönen der Schelle der Ministranten. Ein Rauschen, und die ganze Gemeinde fiel auf die Knie. Der heiligste Augenblick der Messe war gekommen. Der Bischof erhob sich und zeigte die geweihte Hostie und den Kelch dem Volke.

Während der nun folgenden Kommunion sah der Mann wieder teilnahmlos auf die Schar der Andächtigen, bis der Priester das Te Deum laudamus anstimmte und die Gemeinde mit Inbrunst einfiel: Großer Gott, wir loben dich!

Da verließ der Mann die Kirche und trat hinaus auf den Heinrichsplatz. Seine Augen, von dem hellen Kerzenlicht geblendet, konnten die Finsternis nicht durchdringen. Die Stadt war wie ausgestorben, kein Mensch begegnete ihm.