In dem hohen Erker des Eckhauses an der Elbgasse brannte ein einsames Licht. Vom Heinrichskloster her tönten die Klänge des Lobgesanges ihm noch schwach hinterdrein. Sonst herrschte lautlose Stille.

In der Mitte des Marktes blieb der nächtliche Wanderer erschöpft stehen, nahm den Hut vom Kopf und trocknete die feuchte Stirn. Die Umrisse der hohen Giebel und Erker der Gebäude traten aus der Dunkelheit schwach hervor. Rechts stand das ehrwürdige Rathaus, zu seiner Linken ragte die wuchtige Fassade vom Wohnhause des Burgemeisters hoch in die Luft.

Der einsame Mann sah zum bewölkten Himmel auf; ein einziger Stern glänzte hell herab. Mit einer stummen Frage hingen seine Augen lange an dem blinkenden Licht. Wenn ihm von oben herab Rat kommen möchte! – Aber keine Stimme drang hernieder. Der leuchtende Stern zog seine ferne Bahn still weiter.

Jetzt ruhten die Blicke des Mannes versonnen auf dem Brunnen. Die steinernen Figuren standen steif auf ihren Sockeln. Ab und zu schien es, als ob sie die Gesichter einander zuwendeten und leise flüsterten. Der Löwe über ihren Häuptern betrachtete aufmerksam den runden Strahl, der ihm aus dem Maule floß, und es sah aus, als wenn er die Ohren spitzte und aufmerksam den murmelnden Klängen des alten Brunnenliedes lauschte, das seine Wasser sangen.

Noch einmal schlug der Einsame die Augen aufwärts. Sein Atem ging schwer. Da teilte sich plötzlich eine Nebelwolke, und zwei weitere Sterne wurden sichtbar. Die Blicke des Schauenden hingen wie gebannt an dieser Erscheinung, und sein Herz schlug laut. Sollte das Hervortreten der flimmernden Himmelslichter für ihn bedeutungsvoll sein? Wies das glänzende Dreigestirn nicht nach dem Dom? Der Mann erschauerte.

Noch eine kurze Weile hingen seine Augen an den Sternen. Dann riß er sich von dem Anblick los und ging mit schnellen Schritten die Burggasse hinauf.

Am Fuße der Domstufen brannte am Terminhause der Dominikaner wie allnächtlich das Lämpchen und leuchtete ihm ein Stück. Endlich stand er vor dem Dom, durch dessen bunte Fenster das Licht fiel und auf das Steinpflaster scharf geschnittene Rechtecke zeichnete.

Die Besucher des Gotteshauses standen eng aneinander gedrängt bis zu der offenen Tür. Jeder hatte an dem ersten protestantischen Gottesdienst im Dom teilnehmen wollen. Der Unbekannte stellte sich auf die steinerne Schwelle und sah hinein. Auch hier strahlte heller Lichterglanz bis in die fernsten Winkel des Kirchenschiffs.

Auf der Kanzel stand in schwarzem Talar mit weißen Beffchen die ehrfurchtgebietende Gestalt des greisen Predigers Jonas, der mit markigen Worten zu der Gemeinde sprach. Seine Augen leuchteten in heller Begeisterung, und das faltenreiche Gesicht war von einer jugendlichen Röte überzogen.

Die Rede des trefflichen Greises drang den Zuhörern zum Herzen. Wie gebannt hingen ihre Blicke an seinem Munde. Auch der Unbekannte lauschte den zündenden Worten.