Der weise Religionsdiener hatte als Stoff seiner Predigt das Herz der christlichen Lehre gewählt, jenes Kapitel, das wie kein anderes geeignet ist, das menschliche Empfinden wachzurufen. Er sang das unvergängliche Hohe Lied der Liebe! Jetzt sprach er von der Liebe zum Nächsten. Mit eindringlichen Worten ermahnte er seine protestantischen Zuhörer, es den katholischen Mitbrüdern nicht zu entgelten, wenn sie an ihrem alten Glauben festhielten, und keiner solle meinen, daß sein Glaube der wahre und nur allein gottgefällige sei. Hier müsse das Herz entscheiden. Das Irren sei der menschlichen Natur als Stempel aufgedrückt. Man dürfe nicht hoffärtig auf seiner Überzeugung beharren, – Demut und felsenfester Glaube an die Barmherzigkeit und Ewigkeit der Himmel seien der köstlichste Schmuck eines wahren Christen.

Mit diesen Worten schloß Herr Jonas die erste protestantische Predigt im Dom zu Meißen.

Jetzt erklang die Orgel. Zuerst spielte sie ein leises Präludium. Durch die Fülle der Töne zog sich eine gedämpfte Melodie, die nur leise anklang und gerade dann wieder entschwand, wenn die Zuhörer sie zu erkennen meinten. Ihr Wohllaut entzückte jedes Ohr.

Da riß das Vorspiel plötzlich ab. Eine Sekunde lang herrschte tiefe Stille. Dann setzte die Orgel mit voller Kraft ein. Die machtvollen Töne brausten durch den Dom bis in den entferntesten Winkel, schlugen hinauf zu dem großen Erlöserkreuz an der Decke und brachen sich an den hohen Säulen, daß diese erzitterten. Nun stimmte die Gemeinde mit vielhundert Kehlen in hoher Begeisterung den Gesang an. Es war jenes Lied, das in den damaligen Tagen in aller Mund war, und das die Mutter ihrem Kindlein als Wiegenlied sang – das Lied, das der mannhafte Doktor Martin Luther seinen Anhängern als Trutzlied beschert:

»Ein' feste Burg ist unser Gott,
Ein' gute Wehr und Waffen!«

Der Unbekannte war der Predigt mit großer Aufmerksamkeit gefolgt. Jetzt aber, als er den brausenden Gesang vernahm und die hohe Begeisterung der Andächtigen von ihren Gesichtern las, fühlte er sich tief ergriffen.

Er verließ seinen Platz und ging sinnend vor dem Gotteshaus auf und ab.

Was vorhin im Heinrichskloster und jetzt hier im Dom die Seelen der Menschen im Bann gehalten, waren der Geist und die weihevollen Ausdrucksformen der beiden Hauptzweige der christlichen Kirche, die sich wie zwei Weltanschauungen schroff gegenüberstanden. Beiden wohnte die Kraft inne, das menschliche Herz vom Irdischen loszulösen und in unstillbarer Sehnsucht nach dem unerforschlichen Ewigen lauter schlagen zu lassen; – und doch gähnte zwischen ihnen ein tiefer Abgrund!

Dem Sinnenden ward offenbar, daß er einen schwankenden Steg von Fels zu Fels geschlagen hatte, auf dessen Mitte er jetzt unschlüssig stand.

Da hörte er Schritte. Und um sich neugierigen Blicken zu entziehen, ging er hinüber nach der Schotterei und verbarg sich im Dunkel.