Zögernd blickte sie hinein und unterschied in dem Halbdunkel eine kniende Mädchengestalt, die ihr den Rücken zuwandte. Da fiel ihr Blick auf ein Frauenbildnis an der Wand. Die Fremde zuckte zusammen und trat zurück.

Sonnhild hatte das Geräusch gehört, das die rasche Bewegung gemacht, und trat aus dem Zimmer. Fragend betrachtete sie die Fremde. Hatte sie diese harten Züge nicht schon einmal gesehen? Aber so kummervoll wie heute waren sie nicht gewesen. Sonnhild sann nach. Der Schmerz und die Angst hatten ihr Gedächtnis geschwächt

Da wachte die Erinnerung an ein grausiges Erlebnis auf. Sie sah im Geiste die wutverzerrten Züge und die funkelnden Augen des Mädchens, von dem sie in jener Nacht verfolgt worden war.

Unwillkürlich wich Sonnhild einen Schritt zurück, und ihr Blick ging besorgt zur Tür, ob nicht das Mädchen dahinter laure.

Mit spröder Stimme sagte jetzt die Frau:

»Meine Tochter läßt Euch bitten, sie noch heute zu besuchen. Sie ist krank und liegt zu Bett.«

Sonnhild sah erstaunt auf.

»Ich soll Eure Tochter besuchen? Sie, die Böses wider mich im Schilde geführt? Das kann doch unmöglich Euer Ernst sein.«

»Doch,« antwortete die Frau kurz, »es ist so. Sie läßt Euch dringlich bitten.«

Sonnhilds Stolz regte sich.