»Mirjam!« schrie Sonnhild gepreßt auf, dann sank ihr Kopf auf die Bettdecke nieder. In dem Gesicht der Kranken leuchtete es auf, und ihre abgemagerten Hände streichelten Sonnhilds goldglänzendes Haar. Feierliches Schweigen herrschte in dem kleinen Raum. Die Mädchen gedachten wohl des einen, der ihnen teuer war, und in dem Flehen für sein Heil vereinigten sich beider Seelen.

Dann nahm Sonnhild Abschied. Schmeichelnd berührte sie Mirjams Wangen, deren Blick für alles Liebe dankte, das sie empfing.

»Zum Abend komm' ich noch einmal,« sprach Sonnhild.

»Liebe, liebe Schwester,« stammelte die Kranke. Aber die Stimme versagte für mehr Worte, und Tränen füllten ihre Augen.

Noch einmal nickte die Gehende von der Tür aus zurück; dann war Mirjam allein. Sie nahm die beiden Rosen und betrachtete sie lange und mit liebevollem Blick. Und als sie die Blumen küßte, fielen ein paar Tränen darauf, die wie glänzende Tautropfen auf den dunkelroten Blättern lagen.


Neunzehntes Kapitel
Im »Gasthof zur Dürren Henne«