»Geliebte, ich bringe dir gute Nachricht,« rief der Jüngling aufspringend. »Mein Vater ist vor wenigen Stunden zum Bewußtsein gekommen, und die Ärzte haben erklärt, daß schlimme Folgen des Sturzes sich nicht einstellen würden.«
Da erhob sich das Mädchen, legte ihren Kopf an die Brust des Geliebten und wehrte ihm nicht, als er ihre Stirn küßte.
»Sonnhild,« raunte ihr Bernhard ins Ohr, »deinem Vater darf kein Leid geschehen, ich befreie ihn aus dem Gefängnis.«
Das Mädchen schreckte zusammen.
»Heute zur Mittagstunde bin ich mit Caspar von Carlowitz heimgekehrt,« sprach er weiter. »Er begab sich auf die Burg, um sein Amt als Schloßhauptmann wieder anzutreten, und ich eilte nach Siebeneichen, wo ich den Vater schon bei Bewußtsein fand. Ich habe nicht gewagt, mit ihm über die Ursache seines Sturzes zu sprechen. Aber er war sehr gütig. Gegen Abend habe ich große Müdigkeit infolge der weiten Reise vorgeschützt und bin zu dir geeilt, während sie mich in meiner Kammer wähnen. Der Plan zur Befreiung deines Vaters steht in mir fest, er muß gelingen!«
Bei diesen Worten schlug in Sonnhild die Flamme der Begeisterung für das Befreiungswerk hoch auf. Dunkle Röte schoß in die bleichen Wangen, und ihre Augen glänzten.
»Der Turm ist in die Stadtmauer eingebaut,« sprach sie mit fliegenden Worten. »Wir nähern uns außerhalb der Stadt der Fronfeste und rufen meinen Vater ans Fenster. Dann werfen wir ihm einen Stein zu, an den ein Faden gebunden ist, und lassen ihn eine Strickleiter emporziehen und Werkzeuge, mit denen er die eisernen Stäbe vor dem Fenster durchfeilen kann – – –«
Bernhard sah der Geliebten in das glühende Gesicht. Bewunderung und Wehmut erfüllten ihn. Der Plan war unausführbar. Denn am Fuße des Turms, außerhalb der Mauer, stand ein Pikett Burgknechte, wie er gesehen, als er die Umgebung der Fronfeste betrachtet hatte. Aber in seinen Augen flackerte es, und auf seinem ernsten Gesicht stand die Entschlossenheit, mit der er seinen Plan ausführen würde. So gefahrlos, wie Sonnhild wähnte, war das Werk freilich nicht zu verrichten.
»Geliebte,« antwortete der Jüngling zärtlich, »sorge dich nicht! Du hast in den vergangenen Tagen viel Schweres durchkämpfen müssen. Nun laß mich an deine Stelle treten. Mein Plan ist ein anderer, – will's Gott, daß er gelingt! Auf ihn wollen wir bauen. Wirf deinen großen Kummer von dir. Wenn mich nicht alle Gunst des Himmels verläßt, befindet sich dein Vater morgen früh in Sicherheit. Jetzt aber entlaß mich, damit ich noch die letzten Vorbereitungen für das Werk treffen kann.«
Sonnhild schmiegte sich an den Geliebten. An seiner Brust fühlte sie sich geborgen. Und ihr Vertrauen auf seine Umsicht und Entschlossenheit war felsenfest.