»Was du auch tust, du stehst unter dem Schutze des Höchsten, mein Geliebter,« sprach sie mit Innigkeit, »ich werde für dich und für meinen schwergeprüften Vater beten!«
Aufs tiefste bewegt, drückte Bernhard das Mädchen an sich, als wenn es gälte, Abschied für immer zu nehmen – – –
Einundzwanzigstes Kapitel
Rebbe Liebmann, der alte Jude
Es war Abend geworden. In der zu ebener Erde gelegenen Stube im Torwarthause am Lommatzscher Tor saßen einsam zwei Menschen. Auf dem Tisch stand eine tönerne Schale, gefüllt mit Mohnöl, worin ein Docht brannte. Der Schein der Lampe erhellte das Zimmer nur spärlich. Dem Tisch gegenüber stand ein großes Bett, worüber ein weißes Laken gebreitet war.
Vornübergesunken hockte zu Füßen des Bettes auf dem Boden eine Frau. Im Hintergrunde der Stube saß in einem schweren Armstuhl ein würdiger Greis von dem Aussehen eines altbiblischen Propheten. Sein Kopf war mit einer wahren Löwenmähne langen Haares bedeckt, und der schlohweiße Bart, der von dem runzeligen Gesicht nur die scharfe Hakennase und die mächtige Stirn freiließ, hing tief auf die Brust herab. Über den blinden Augen wölbten sich buschige Brauen. Die Arme des Greises lagen auf den Seitenlehnen des Stuhles.
Drückende Stille herrschte in dem Raum.