Da fuhr das Weib auf:

»Zwanzig Jahre der Qual und Verzweiflung – Jehova rast wider uns!«

Dann sank sie von neuem vornüber.

»Der furchtbare Schlag hat dein Gemüt umdüstert, Lea,« antwortete Rebbe Liebmann mit tiefer Stimme. »Der Herr hat uns schwer geprüft. Aber selbst aus dem tiefsten Leid sollen seine Kinder die köstliche Zuversicht schöpfen, daß sie dereinst reich belohnt werden.«

»Unser Geschlecht ist verflucht!« murmelte das Weib in dumpfer Verzweiflung.

»Die Ratschlüsse des Ewigen sind unerschöpflich; was er tut, ist wohlgetan.«

»Warum knechtet er gerade sein Volk mit blindwütiger Grausamkeit! Zuerst zerstreute er es in alle Welt. Dann ließ er zu, daß die Völker der Erde die Flüchtlinge wieder vertrieben oder aus ihrer Gemeinschaft ausstießen. Tief verhaßt und unentbehrlich, begehrt und verflucht sein war unser Los. Waren nicht unsere Väter von allem entrechtet? Haben nicht – auch in den deutschen Landen! – die grausamsten Judenverfolgungen jahrhundertelang angehalten und unzählige Leben vernichtet und mühsam erworbenes Gut geraubt? Man beschuldigte uns, das Vieh krank gemacht, die Brunnen vergiftet und Mißwachs herbeigeführt zu haben, um die unmenschlichsten Missetaten an uns zu verüben. Wie kurz ist erst die Zeit, die vergangen, seitdem unser Volk nicht mehr die gelbe Kokarde an den Rücken trägt – das schimpfliche Abzeichen der Unreinen – – –«

Das Weib hielt keuchend inne. Ihr Gesicht trug den Ausdruck maßloser Erbitterung.

»Und wie die Gemeinschaft,« fuhr sie fort, »verfolgt er erbarmungslos auch den einzelnen.«