»Lea,« fiel der Blinde beschwörend ein, »deine Rede ist lästerlich. Laß den reinen Spiegel deiner Seele nicht trüben von den dunkeln Wolken des Zorns, die darüber hinziehen, und wende dein Herz nicht von dem Herrn aller Himmel! Zwei Jahrzehnte hast du die teuflischen Geister des Grolles und Hasses bezwungen – – –«
»Jetzt reißen sie die schwachen Schranken nieder,« schrie das Weib, sprang auf und stampfte den Boden mit den Füßen, »die die versagende Kraft jeden Morgen von neuem aufrichten mußte. Fallt ab von mir, schwachherzige Geduld und schimpfliche Geneigtheit zur Vergebung! Es ist ein Kampf wider die Natur. Der Gott, der mich erschaffen, muß es an seinem Werke büßen, daß es mißraten. Einst war ich groß im Lieben, heute bin ich's im Hassen! Haha!«
»Wer so frevelt wie du, mein Kind, dem wird es dereinst schwer werden, vor dem Richterstuhle des Ewigen Worte zu finden.«
»Soll ich den lieben, der mich betrog und mein Kind zum Bankert machte?«
»Und doch kenne ich eine,« klang des Greises eindringliche Stimme, »die zu Gott dankte, als er ihren Schoß segnete.«
Da verstummte das Weib. Der Greis aber fuhr fort:
»Hast du ihm nicht alles abgeschlagen, was er in leidenschaftlicher Liebe für dich und das Kind tun wollte? Und wie er vor der Wiege des Neugeborenen kniete und mit gerungenen Händen dich anflehte, du möchtest ihm verzeihen, was sprachst du da? Ich verzeihe um den Preis der völligen Entsagung auf das Kind! Er umklammerte deine Füße, – du stießest ihn. Da versprach er's und ging. Aber in wieviel ungezählten Nächten haben wir nicht die wohlbekannten Schritte vor dem Hause und das leise Klopfen an der Tür vernommen, bis nach stundenlangem Harren der Tritt in der Ferne verhallte. So ging es, bis sich die Wunde in seinem Herzen geschlossen haben mochte.«
Am Stadttor tönte der eiserne Klopfer, draußen stand jemand, der Einlaß begehrte. Aus einer Nebenkammer ging der Geselle hinaus. Die schweren Ketten rasselten und fielen herab, und das Tor kreischte in den Angeln. Eine kurze Weile, dann entfernten sich stadtwärts Schritte. Das Tor schlug zu, und der Geselle kehrte wieder in seine Kammer zurück. Die zwei Menschen hörten es kaum, so gefesselt waren all ihre Sinne.
»Mein armes Kind,« klang des Greises Stimme wieder, »laß das herzzerreißende Weh, das sich in deine Seele hineingebohrt, nicht Herr über dich werden. Nach unsern Werken der Liebe werden wir einst belohnet oder gerichtet werden. Der Gute vergißt über dem eigenen Schmerz nicht den Schmerz des Nächsten. Du weißt, daß er ein Unglücklicher ist und wie schwer er jetzt leidet.«
»Heute sind alle Wunden wieder aufgerissen,« klagte das Weib tonlos, »die er meinem Herzen geschlagen. Und ich fühle, daß ich gelogen, als ich ihm verziehen.«