»Dann verzeihe ihm nun aus vollem Herzen.«

»Wer meinen Gram und meine Verzweiflung ermessen kann, die schlimmer peinigen als Höllenqualen, der wird nicht verlangen, daß ich ihm ein zweites Mal vergebe.«

»Nicht zweimal sollen wir vergeben, fordert der Allmächtige des Himmels und der Erden, sondern siebenmal siebzigmal.«

»Aber ich vermag es nicht!« schrie das Weib grell auf.

Da erhob sich der Blinde, ging mit sicheren Schritten zu dem Bett und schlug das weiße Laken zurück. Seine großen lichtlosen Augen auf die Tochter gerichtet, sprach er:

»So lerne das Verzeihen von deinem Kinde, das mit einem Gebet für den Vater von uns gegangen ist.«

Die Frau erschrak und stützte sich schwer auf das Fußende des Bettes. Ihr Atem flog und ihre weitgeöffneten Augen waren starr auf die abgezehrte Gestalt im weißen Sterbehemd. Das blasse Gesicht der Toten war verklärt von dem Ausdruck tiefen Friedens, den Mirjam beim Verscheiden empfunden. Zwischen den gefalteten Händen hielt sie die dunkelrote, welke Rose.

Sekunden verstrichen. Als wenn sie einem zermalmenden Druck trotzen wollte, verharrte die Frau hartnäckig in gebeugter Haltung. Dann brach sie vor dem Bett lautlos nieder.