Zweiundzwanzigstes Kapitel
Die drei Getreuen
Die ältesten Bewohner Meißens erinnerten sich nicht, die Stadt jemals in so großer Aufregung gesehen zu haben, wie an diesem Abend. Die Häuser standen leer, jedermann war auf die Gasse geeilt. Wie zu Kriegszeiten herrschte fieberhaftes Leben unter der Einwohnerschaft. Hinter vielen Fenstern brannte Licht, so daß die Gassen hell waren.
Auf dem Markt standen vier hohe Böcke, die mit Pech gefüllte, eiserne Schalen trugen, aus denen rote, rußige Flammen emporloderten. Vor dem Rathaus bauten Zimmerer ein hölzernes Gerüst. Eine unabsehbare Menge drängte sich unaufhörlich daran vorbei. Die hellen Hammerschläge drangen scharf durch den Lärm. Jeder verstand, was sie verkündeten: morgen früh sollte auf diesen Brettern dem Burgemeister Georg Waltklinger durch den aus Dresden zu erwartenden Henker der entblößte Rücken mit Ruten gepeitscht werden.
Zwar war eine Abordnung der Bürgerschaft unter Vorantritt Peter Sorgenfreis nach Dresden geeilt, um die Gnade des Herzogs anzurufen. Aber sie waren abgewiesen worden!
Der Herzog hatte die Männer wohl empfangen und sein Bedauern ausgesprochen, daß er ihre Bitte abschlagen müsse. Den ausgezeichneten Ruf ihres Burgemeisters kenne er. Gleichwohl dürfe er dem Spruch des Gerichts nicht entgegentreten. Die unbesonnene Handlung sei ein schwerer Angriff gegen Gesetz und Obrigkeit, und das Leben eines hohen Beamten des Landes, den der Herzog als einen seiner besten bezeichnete, wäre ihr um Haaresbreite zum Opfer gefallen. Nur insoweit könnte das Urteil gemildert werden, als der Besitz des Schuldigen nicht um den dem Staat bei der Ausweisung zufallenden Teil geschmälert würde.
Traurig kehrten die Männer heim. Wie der Herzog bei Einführung der Reformation seine Tatkraft bewiesen, ebenso unbeugsam war er, wenn es galt, eine Verletzung der Würde des Gesetzes zu sühnen.
Das Gewühl in den Gassen wurde immer ärger, und dasselbe Bild, das große Zusammenläufe einer erregten Menge überall bieten, zeigte sich auch hier. Anfänglich schoben sich die Menschen stumm durcheinander. Der Geist der Ordnung leitete sie noch. Allmählich gewann aber die Erregung Oberhand, die die Masse berauschte. Die Unbesonnenen begannen damit, drohende Rufe auszustoßen, und die friedlich Gesinnten wurden davon angesteckt. Dazu tat der genossene Wein seine Wirkung. Nichtsnutziges Gesindel beging Ausschreitungen und riß durch sein Beispiel nüchterne Zuschauer, die aus Neugierde auf die Gasse gegangen waren, mit fort.