Der Jüngling wandte sich ab. Aber bald gingen seine Augen von neuem zu dem Hause zurück. Er betrachtete das breite Tor mit seinen großen, schmiedeeisernen Klopfern, und auf sein bleiches Gesicht stahl sich der alte träumerische Ausdruck.

Da lief plötzlich ein Zittern über des Jünglings Gestalt und mit einem Ruck richtete er sich straff auf. Dazu blickte er angestrengt nach der Tür hinüber. War ihm nicht gewesen, als wenn er durch den offenen Flügel in dem dunklen Hausgang etwas Helles hatte schimmern sehen? Vielleicht ein weißes Gewand? Mit verhaltenem Atem sah er hin. Da erschien eine Frauengestalt auf der Schwelle, die aber sogleich wieder in das Haus zurücktrat, wohl deshalb, um eine noch rechtzeitig entdeckte Unordnung an ihrem Kleide zu beseitigen.

Wie ein Wirbelwind war der Jüngling über den Platz hinweggeeilt und stand nun klopfenden Herzens vor der offenen Tür. Er schaute mit den geblendeten Augen unsicher in den dämmrigen Hausflur hinein. Da gewahrte er in der Mitte des weiten Raumes ein junges Mädchen von hoher Schönheit. Sie trug ein feines, schneeweißes Linnengewand, das ein ärmelloser Überrock von blauem Tuch, mit goldenen und kristallenen Knöpfen verziert, bedeckte. Der Hals war bloß, und unter dem Ausschnitt war ein breiter Rand der köstlichen Leinwand zu sehen.

Wie gebannt sah der Jüngling auf die lichte Gestalt. Da unterschied er die feinen Züge, ein Paar große, blaue Augen und eine überreiche Fülle leuchtenden Haares, das sich unter dem Hute vordrängte. »Sie ist es!« rief in ihm eine Stimme, und er fühlte, wie ihm das Blut zu Kopfe drang. Sein Herz schlug stürmisch. Was er in diesen fünf Jahren geträumt und was er heiß ersehnt, hatte sich in dieser Stunde erfüllt. Er stand wieder vor ihr!

Heimliches Bangen und heller Jubel tönten in seiner Stimme, als er fragte:

»Sonnhild! – – – kennst du mich wieder?«

Darauf blieb es beklemmend still in dem steinernen Gewölbe der Hausflur. Die beiden jungen Menschen standen sich stumm gegenüber. Das Gesicht des Mädchens zeigte große Überraschung, die aber bald durch den Ausdruck lebhaften Unwillens verdrängt wurde. Wie konnte es dieser fremde Mann wagen, sich ihr so gegenüber zu stellen? Tiefe Entrüstung flammte in ihren Augen auf und in dem stolzen Zurückwerfen des feinen Kopfes lag eine strenge Zurechtweisung.

Die Augen des Jünglings hatten während dieser Zeit voll Spannung auf dem schönen Mädchen geruht. Jetzt empfand er, wie seine vertrauliche Begrüßung sie erzürnt hatte. War sie darüber entrüstet, daß er es wagte, sich ihr zu nähern, weil sie als Kinder einmal zusammen gescherzt hatten? Oder hatte sie ihn vergessen? Die Freude über das Wiedersehen hatte ihn fortgerissen, – unter dem zürnenden Blick des in seinem Stolze verletzten Mädchens erhielt er jedoch die verlorene Beherrschung rasch wieder.

Und so nahm er denn nach ritterlichem Brauch das Sammetbarett vom Kopfe, verneigte sich tief und mit feinem Anstand und sprach in ehrfurchtsvollem Tone:

»Mit Gunst, edle Jungfrau! Erinnert Ihr Euch meiner nicht mehr?«