Zweites Kapitel
Das Wiedersehen

Der Jüngling sah noch immer mit träumenden Blicken über den sonnenbeschienenen Marktplatz. Wie oft hatte er nicht an dies alles gedacht! Aber so frisch wie heute waren die Farben des herrlichen Bildes nie gewesen, wenn es in seiner Erinnerung heraufgestiegen. Fünf Jahre waren darüber hingegangen. Heute mußte sie siebzehn zählen, und er war achtzehn. Wie tief dieses Erlebnis doch in seinem Herzen haftete!

Noch immer zankten sich die Sperlinge um die verstreuten Körner. Aus dem Ratskeller trat der behäbige Schenkwirt. In jeder Hand hielt er einen großen Biersterz, gefüllt mit Wasser. Er schwenkte die hölzernen Gefäße sorgfältig aus und verschwand alsdann wieder hinter der Tür.

Zur Rechten des Jünglings, dicht vor der Frauenkirche, befand sich auf dem Markt ein Brunnen. Den Rand des weiten Beckens zierten steinerne Figuren. In der Mitte stand auf einer Säule ein Löwe, aus dessen Rachen das Wasser in einem starken Strahl hervorschoß. Die Augen des Jünglings glitten an dem Brunnen vorbei und blieben wieder auf dem Bürgerhause haften.

Was mochte aus dem lieblichen Burgemeistertöchterlein geworden sein! Wie breit und ruhig das Haus doch dastand. Die vielen blanken Fenster, die vorgekragten Stockwerke, die schwindelnden Simse des hohen Giebels! Trotzig und herausfordernd sah es aus. Und stolz! Freilich, es gehörte doch auch einem der angesehensten Geschlechter der Stadt. Kein Geringerer als Georg Waltklinger, der reiche Tuchmacher und Burgemeister, war sein Besitzer.

Und das deutsche Handwerk – das wußte der Jüngling – mit seinen Innungen und Gilden, der deutsche Bürgerstand, befanden sich ja gerade gegenwärtig in ihrer glanzvollsten Zeit.