Drittes Kapitel
Frau Magdalena erlebt eine Überraschung

In dem Erker des Turmzimmers im Schlosse Siebeneichen saß Frau Magdalena von Miltitz. In ihrem Schoß lag ein Kleid von grauem Leinen, an dem sie eifrig nähte.

Die Schloßherrin von Siebeneichen war eine große, schöne Frau von noch nicht fünfzig Jahren. Ihre Gesichtsfarbe war ein blühendes Rot, und in das braune Haar hatte sich noch kein einziger Silberfaden gestohlen. Deshalb hielt man sie allgemein für jünger. Sie war eine kluge und entschlossene Frau, die ihre Pflichten im Hause vortrefflich ausübte und die von ihrem Gatten als eine verständige und liebevolle Ehegattin hoch geschätzt wurde.

Frau Magdalena war eine geborene Pflug. Ihr Vater war der angesehene Herr auf Zabeltitz, Heinrich Pflug. Derselbe, der einmal auf die Frage, warum er das Wörtchen »von« doch nie vor seinen Namen setze, geantwortet:

»Warum das? Die Pflugs gehören zu den vier Prinzipalgeschlechtern des meißnischen Heldenadels und wurden immer an erster Stelle genannt. Das weiß jedes Kind!«

Der Stolz des Vaters hatte sich auf die Tochter vererbt. Zwar war sie weit davon entfernt, hochmütig zu sein. Aber tief im Herzen fühlte sie die heimliche Freude, einem uralten, hochgeachteten Adelsgeschlecht zu entstammen.