Frau Magdalena ließ das Kleid sinken. Und während die fleißigen Hände einmal ruhten, schweifte ihr Blick zum Fenster hinaus. Tief unten rauschte die Elbe. Am jenseitigen Ufer stiegen hohe Weinberge empor, hinter denen sich das Land in einer weiten Ebene verlor. Ihre Augen glitten achtlos über das schöne Bild hinweg; sie dachte an ihren Sohn Bernhard. Seine älteren Brüder weilten draußen in der Welt, er, der Jüngste, war ihr verblieben. Dazu hatte er ihrem Mutterherzen heimlich immer am nächsten gestanden. Denn dieselben Eigenschaften, die sein Vater besaß, zeigten sich auch bei ihm recht deutlich.

Schon während seiner Kindheit war der hervorstechendste Zug ihres Jüngsten die Ritterlichkeit gewesen. Mit heimlicher Freude hatte sie immer beobachtet, wie der Knabe sich bemühte, gegen seine Mutter artig und zuvorkommend zu sein. Und als er noch nicht den Kinderschuhen entwachsen war, zeichnete er sich durch selbstbewußte Höflichkeit gegen Frauen vor allen Altersgenossen aus. Auch die vornehme Gesinnung des Vaters hatte er geerbt, und dessen ruhiges Wägen, bevor er handelte.

Freilich wußte Frau Magdalena, daß Bernhard auch die Schwächen seines Vaters besaß: den zuweilen aufflammenden Zorn und die trotzige Beharrlichkeit, die keine Strenge beugen konnte.

Da schreckte sie aus ihrem Nachdenken auf. Draußen hatten hastige Schritte geklungen. Und wie sie den Blick nach der Tür richtete, trat Bernhard ins Zimmer. Frau Magdalena erkannte alsbald, daß ihn etwas bewegte. Seine sonst blassen Wangen waren von einer leichten Röte verfärbt.

Bernhard von Miltitz besaß für seine jungen Jahre ein großes Maß von Beherrschung. Mit dem vollendeten Anstand eines Jünglings aus edlem Geschlecht begrüßte er seine Mutter. Als er sich jedoch zum gewohnten Handkuß vor ihr verneigen wollte, umschlang sie ihn, und er fühlte ihre Lippen auf seiner Stirn. Das machte ihn betroffen, denn er wußte, daß solche Beweise von Zärtlichkeit bei seiner Mutter selten waren.

Frau Magdalena hatte die Hände an des Sohnes Schläfen gelegt und sah ihm liebevoll ins Gesicht. Und bevor sie ihn freiließ, küßte sie ihn noch einmal.

Dieser Ausdruck von mütterlicher Liebe stimmte Bernhard weich, daß er plötzlich den Drang empfand, mit seiner Mutter von dem zu sprechen, was sein Herz erfüllte. Und so begann er denn mit stockenden Worten:

»Mutter, heute nachmittag bin ich mit einem fremden Fräulein in unserm Park gelustwandelt …«

Frau Magdalena horchte auf.