Am verabredeten Tage hatte sich Bernhard von Miltitz pünktlich auf der Höhe vor dem Lommatzscher Tor eingefunden. Es war derselbe Ort, an dem er Sonnhild zum erstenmal gesehen. Er konnte sich genau entsinnen: unter diesem hohen Baum hatte er gestanden, und dicht hinter ihm, wo jetzt ein Bündel Farren mit breiten Wedeln wuchs, hatte sie im Grase gelegen.

Dann trat er so weit vor, daß sein Blick ungehindert in die Weite schweifen konnte. Drüben auf dem andern Elbufer erhoben sich die Hügel, bedeckt von dem leuchtenden Grün der frischen Reben, und zu seiner Rechten, dicht vor der Stadt, ragten der Dom und die alte Markgrafenburg in das lichte Himmelsblau noch hinein. Auch heute lag leuchtender Sonnenschein über dem entzückenden Bild, und die Luft wehte weich und warm und spielte leise mit den Zweigen.

Bernhard war so in Gedanken versunken, daß er Sonnhild erst bemerkte, als das Mädchen neben ihm stand. Jetzt sah er auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie trug ein enganliegendes weißes Kleid, das die schlanke Gestalt der aufblühenden Jungfrau deutlich erkennen ließ.

Der Jüngling war von Sonnhilds Schönheit aufs neue betroffen. Er sah eine kurze Weile stumm in das liebliche Gesicht, bis das Mädchen unter seinem Blick errötete und die Augen niederschlug. Da trat er rasch heran, und sie begrüßten sich.

Wie bei ihrem letzten Zusammensein brauchten sie erst eine Zeit lang, um ihre Verlegenheit zu überwinden. Dann aber drängten sich die Worte auf ihre Lippen und sie erinnerten sich beide daran, wie es vor fünf Jahren an dieser Stelle ausgesehen und was sie damals miteinander gesprochen.

So kamen sie ins Plaudern und gingen dabei tiefer in den Wald hinein, der sich neben der Landstraße auf der Anhöhe hinzog. Bernhard legte auch heute wieder seinen Arm behutsam in den der Jungfrau, ohne daß sie durch ein Zeichen peinliche Überraschung verraten hätte. War sie sich dessen im Eifer des Sprechens nicht bewußt geworden, oder erlaubte sie ihm diese Vertraulichkeit? Der Jüngling hoffte das letztere.

Dann pflückten sie die am Wege stehenden Waldblumen und banden sie zum Strauß. Bernhard ließ sich auf das Knie nieder und steckte den seinen in Sonnhilds Gürtel. Darauf trat das Mädchen heran und nestelte ihre Blumen an seinem Kragen fest. Dabei standen sie so eng beisammen, daß ihr Atem sein Gesicht streifte und er die feinen Härchen unterscheiden konnte, die Ohren und Wangen des Mädchens bedeckten. Als Sonnhild aber bei einer unwillkürlichen Bewegung mit der Stirn des Jünglings Wange leicht berührte, trat dieselbe dunkle Röte auf ihr Gesicht, die Bernhard schon wiederholt darin hatte aufsteigen sehen. Und ihre feinen Finger zitterten, bis es ihr gelang, die widerspenstigen Blumen zu befestigen.

Von da an blieb das Mädchen einsilbig, und wenn sie lachte, klang es nicht so natürlich wie sonst. Als Bernhard dies merkte, bemühte er sich, dem Mädchen die Beklemmung überwinden zu helfen, indem er harmlos weiterplauderte. Aber ihr Schweigen raubte ihm endlich die Unbefangenheit, und sein Redefluß versiegte.

Da sagte Sonnhild: