Mit der Entwickelung der Städte und dem Aufblühen des Handwerks war die wirtschaftliche Überlegenheit bald auf die Seite des Bürgertums getreten. Aber auch der innere Wert des Bürgers war erheblich gestiegen. Die gediegenen Erzeugnisse des deutschen Handwerks hatten in kurzer Zeit die Aufmerksamkeit der andern Völker erregt. Allerorts fanden die Waren guten Absatz und taten sich durch ihre Güte vor allen Erzeugnissen hervor.

So war es gekommen, daß in der ganzen Welt das deutsche Handwerk gepriesen wurde und daß der deutsche Handel herrlich aufblühte. Eine große Anzahl von Städten tat sich zusammen und gründete den Hansabund, unter dessen kraftvollem Schutze die erzenen Kiele der mächtigen Segelschiffe die weiten Meere durchschnitten, um die Erzeugnisse deutschen Fleißes nach aller Herren Länder zu bringen.

Dieser glänzende Aufschwung erfüllte Handwerker und Kaufmann mit Befriedigung und Stolz und spornte sie an, emsig weiterzuarbeiten. Aber nicht nur deshalb, um große Vermögen anzusammeln – geschweige daß es dem Reichtum gelungen wäre, seine Erzeuger zu verweichlichen –, der deutsche Bürger setzte vielmehr sein alles daran, den guten Ruf seiner Arbeit stetig zu fördern. Und das gelang ihm.

Wohl kleidete man sich reicher als früher, und in den deutschen Landen fanden allerhand Genußmittel fremder Völker Eingang, die bis dahin unbekannt gewesen waren und Gaumen und Zunge schmeichelten. Der bisher einfache Tisch war reicher besetzt, und Gastmähler wurden gefeiert, bei denen die auserlesensten Speisen aufgetragen wurden und der köstlichste Wein in Strömen floß. Niemand verschmähte es mitzutun, die deutsche Gründlichkeit bewährte sich auch im Genießen.

Aber die Versuchungen, denen im Laufe der Weltgeschichte schon manches Volk erlegen, fanden ein aufrechtes, kraftvolles Geschlecht. Der Fleiß und die Beharrlichkeit des deutschen Handwerks erlitten dadurch keine Einbuße! Die sittlichen Werte des Volkes wuchsen immer mehr, es war sich der hohen Sendung bewußt, die es zu erfüllen hatte. Das Gemeinwesen wurde musterhaft, und die Städte entwickelten sich zu einer Macht, die der Herrlichkeit der Fürsten Glanz und Stütze war. Der Familiensinn vertiefte sich. Man war stolz darauf, von Vorfahren abzustammen, deren Namen seit Jahrhunderten mit Ehrfurcht genannt wurden.

Die Kinder wurden in wahrer Frömmigkeit und strenger Zucht erzogen. Die Achtung vor Gesetz und den Eltern vererbte sich vom Vater auf den Sohn.

So gab es im Handwerker- und Kaufmannsstande zahlreiche Familien, die, gestützt auf große Vermögen, nach außen viel Selbstbewußtsein bewahrten. Das Oberhaupt eines solchen Patriziergeschlechts fühlte sich in seinem Hause als ein Fürst. Hatten seine Vorfahren den Wohlstand und das Ansehen des Volkes nicht begründen und mehren helfen? Und was hatte dagegen seit aber hundert Jahren der Adel getan?

Das waren die Gedanken, die Bernhard von Miltitz jetzt unaufhörlich bestürmten. Er konnte zwar noch nicht in die Tiefen des verworrenen Zeitbildes blicken. Aber er war ein Grübler. Und wo sein Wissen nicht ausreichte, begann er, die Gedankenanfänge zu entwickeln. Bisher hatte er nur mit den Augen eines Abkömmlings aus adligem Geschlecht gesehen, denn die Kenntnis der wirklichen Verhältnisse war ihm nicht gelehrt worden. Seine Mutter war es gewesen, die ihn auf diese Anschauungen gebracht hatte. Und je öfter er nachsann, desto deutlicher enthüllte sich ihm die Wahrheit.

Sein junges Herz schlug laut für das entzückende Kind aus dem Bürgerstand. Ein seliges Gefühl überkam ihn, wenn er daran dachte, Sonnhilds Zuneigung zu besitzen. Zuneigung? Durfte er es so nennen? Nun, darüber mußte er sich Gewißheit verschaffen.