Sechstes Kapitel
Unerwarteter Besuch im Rathaus

Der Unfrieden der Bürgerschaft bereitete Georg Waltklinger nicht wenig Sorge. Zudem hatte er in seinem Gewerbe fleißig zu schaffen. Vom frühen Morgen bis zum Abend war er mit den Gesellen bei der Arbeit. Das Tuch, das er anfertigte, stand bei den Kaufleuten in besonderem Ruf, und sie bestürmten ihn mit Wünschen und großen Aufträgen.

Nur wenn ihn die Pflicht als Stadtoberhaupt rief, war er nicht in der Werkstatt anzutreffen. Dann legte er die große Schürze ab, vertauschte das Arbeitsgewand mit dem Kleide des Burgemeisters und begab sich auf das Rathaus.

Zuweilen traf es sich, daß ein Bittender, um seinen Rat zu heischen, ihn bei der Arbeit aufsuchte. Dieser mußte sich neben ihn setzen und so sein Anliegen vortragen. Währenddem arbeitete Waltklinger schweigend weiter und warf nur ab und zu eine Frage ein.

Besonders der Tuchmacher und Ratmann Niclas Anesorge saß wiederholt bei ihm. Der alte Mann war ein Feuerkopf und ein eifriger Protestant. In der Werkstatt daheim schaffte sein Sohn, er selbst überwachte die Erfolge der evangelischen Lehre im ganzen Lande. Da er des jüngeren Waltklingers Verstand und Mäßigung hoch schätzte, ordnete er sich ihm willig unter.

Anesorge redete viel und heftig. Wenn er auf sein Lieblingsgespräch kam, konnte er ganz wild werden. Dann schrie er nicht selten seine Zuhörer an, daß es manchem bänglich zumute ward. In der Innungsstube und in den Schenken wurde es rasch lebhaft, wenn Anesorge eintrat. Natürlich bildete der Religionszwist seit langem den Mittelpunkt aller Unterhaltung. Deshalb war der Stoff schon abgebraucht. Fuhr aber Meister Anesorge irgendwo dazwischen, dann kam die Masse schnell in Fluß.

Seine drei größten Feinde waren der Bischof, der ihm, wie er sagte, den ganzen schönen Dom oben auf der Schloßfreiheit verleidete, ferner Ernst von Miltitz und Herzog Georg. Von diesen dreien sprach er am liebsten. Für jeden hatte er sich eine erkleckliche Anzahl liebevoller Kraftausdrücke zurechtgelegt, die er scharf voneinander unterschied. Wenn er lebhaft wurde, und dieses pflegte bald einzutreten, ließ er die Kernworte als Würze in seine Rede einfließen.