Bernhard fühlte, wie ihn die Unbekannte dreist ansah. Auch als er seinen Blick verweisend auf sie richtete, fuhr sie fort, ihn anzustarren.

Sie mochte zwanzig Jahre zählen. Ihr Körper war gut gewachsen und von leichter Fülle. Beim Gehen wiegten die Schultern ein wenig, und der wohlgerundete Busen schwebte auf und nieder. Ihr Gesicht war sehr bleich, fast durchsichtig. Unter den starken, schwarzen Brauen glänzten zwei herrliche Augen. Die schmale Nase besaß eine scharfe Krümmung. Das Mädchen war eine Jüdin.

Bernhard sah von ihr weg. Aber er empfand, daß sie kein Auge von ihm ließ. Ihrem abgenutzten Kleide nach stammte sie aus dem niederen Volke.

Nachdem beide ein Stück fast nebeneinander gegangen waren, sah er wieder zu ihr hin und blickte eine kurze Weile in ihre großen, blauen Augen.

Ein seltsames Gefühl überkam den Jüngling. Erinnerten ihn diese Augen nicht an Sonnhild? Er verwarf den Gedanken. Doch mußte er bald eingestehen, daß die Augen des Judenmädchens denen Sonnhilds glichen. Aber sie sahen ihn ganz anders an. Die Augen Sonnhilds leuchteten wie zwei Sterne am nächtlichen Himmel, die der Jüdin blickten starr und frech. Und verhaltene Glut blitzte in ihnen.

Da sah er zum drittenmal hinüber, und ihre Blicke trafen sich wieder. Eine magnetische Kraft schien von diesen Augen auszugehen.

Bernhard wurde ärgerlich, schwieg aber. So gingen sie bis zum Stadttor. Hier angekommen, blieb das Mädchen stehen, während er durch das Tor weiterging. Als er sich aber in geraumer Entfernung noch einmal umsah, bemerkte er die Jüdin unbeweglich neben dem Torhaus an die Stadtmauer gelehnt, ihm nachschauend.

Unwillig wandte er sich um. Aber lange hatte er das Gefühl, als ob die starren Augen noch immer auf ihn gerichtet seien.