Endlich räusperte sich der Burgemeister und erwiderte in achtungsvollem Ton:

»Es erfüllt uns mit Genugtuung, Herr Amtmann, aus Euerm Munde zu vernehmen, daß das Land und selbst des Herzogs Hoheit anerkennt, wie der Rat der Stadt Meißen seine Pflicht tut. Diese Anerkennung soll uns darin bestärken, wie bisher weiter zu wirken. Die Zustimmung zu unserem Tun aber als Lob zu betrachten, weist der Rat zu Meißen ab! Denn er tut eben nichts anderes als seine Pflicht!«

Zu diesen Worten erklang zum ersten Male ein beifälliges Murmeln.

»Was das andere betrifft, Herr Amtmann,« setzte Georg Waltklinger mit weiser Mäßigung hinzu, »so haben uns Eure Worte die erhoffte Befriedigung nicht gebracht. Glauben ist Herzenssache, sagtet Ihr. Nun, Herr Amtmann, unsere Herzen verlangt es eben nach jener hohen Befriedigung, die ihnen die Lehre des Doktors Luther gibt. Der alte Glaube aber kann dem keine Erbauung mehr spenden, der die köstliche Weihe empfunden, die das große Werk des Wittenbergers ausgießt. So Ihr der Bürgerschaft von Meißen einen Dienst tun möchtet, den sie Euch nie vergessen würde, dann geht hin zu unserm erlauchten Herrn und öffnet ihm die Augen darüber, wie hoch die Not gestiegen ist, die sein Volk im Innern leidet!«

Der Burgemeister hatte mit fließender Beredsamkeit und allen aus der Seele gesprochen. Die Männer fühlten die tiefe Wirkung der Worte ihres Oberhaupts. Kein Beifallszeichen ertönte, aber auf ihren Mienen stand das Einverständnis zu dem Gehörten. Doch Ernst von Miltitz machte eine abweisende Gebärde.

»Männer, die fest und wahr zu dem Herzog stehen, sprechen anders!«

Waltklinger richtete sich groß auf.

»Die zum Herzog stehen?« entgegnete er mit niedergehaltener Erregung. »Nicht weniger treu und fest, als Ihr, Herr Amtmann, bekennt sich der Rat und die Einwohnerschaft zu unserm gnädigen Herrn! Aber warum setzt sich der Herzog so scharf in Widerspruch mit seinen Untertanen? Warum gibt er die Kirchen für den lutherischen Glauben nicht frei? Warum erlaubt er nicht, daß uns das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht werde? Denkt er vielleicht, durch sein Sträuben für alle Zeiten das zu verhindern, was mit zwingender Notwendigkeit doch einmal eintreten muß? Treue und Anhänglichkeit zu der Person des Herzogs sind hohe Tugenden, Herr Amtmann. Und wir üben sie. Aber über Fürstendienst steht Gottesdienst!«

Da war es heraus! Nun wußte der Vertraute des Herzogs alles. Und er konnte es seinem Herrn berichten. Das waren unerschrockene Worte gewesen, die der Burgemeister gesagt hatte. Alle empfanden es! Die freimütige Haltung Waltklingers hatte sie begeistert.

Ernst von Miltitz war vom Stuhl aufgestanden, und mit ihm erhob sich die Versammlung.