»Herr Burgemeister,« sagte der Amtmann tief verstimmt, »ich habe das Äußerste versucht, Euch von Euern unausführbaren Plänen abzubringen. Es ist mir mißlungen. Ich bedaure es! Seid Ihr Euch aber auch bewußt, was Eure abweisende Haltung bedeutet?«

Wie zwei Gegner standen die beiden Männer einander gegenüber. Georg Waltklinger, der den Amtmann um eines Hauptes Länge überragte, stand hoch aufgerichtet mit zurückgeworfenem Kopf. Noch nie hatte er die Würde als Burgemeister so gefühlt, wie in dieser Minute, und noch nie war er so stolz gewesen, ein freier Handwerksmeister zu sein, wie gerade jetzt.

»Ja, Herr Amtmann,« kam es mit männlicher Festigkeit von seinen Lippen. »Ich weiß es, was diese Stunde bedeutet. Sie eröffnet den Kampf. Die Bürgerschaft von Meißen steht hinter mir, – ich werde ihn ausfechten!«

Ernst von Miltitz fühlte, wie er in den Augen der Männer als der Unterlegene erschien. Schon war er im Begriff, die Kühnheit des Burgemeisters scharf zurückzuweisen, um dergestalt die starke Wirkung seiner Rede abzuschwächen. Aber er verschmähte es. In vornehmer Haltung und mit einem stummen Gruß verließ er den Saal.

Jetzt brach das Schweigen. Die Mitglieder der Ratsversammlung priesen mit lauten Worten die Klugheit und den Freimut ihres Oberhaupts. Einer nach dem andern drängte sich an Waltklinger heran, damit er ihm die Hand drücke, als Zeichen des Einverständnisses zu seiner mannhaften Rede. Niclas Anesorges Gesicht strahlte. Er hatte immer eine hohe Meinung von der Tüchtigkeit Waltklingers gehabt. Heute war dieser aber über sich hinausgewachsen. Wie kraftvoll die Worte geklungen hatten – und wie stolz!

So gingen die Ratmannen auseinander und trugen die Kunde von dem bedeutsamen Vorfall hinaus. Sie flog von Gasse zu Gasse und huschte in jedes Haus. Die Einwohnerschaft der Stadt Meißen aber empfand große Befriedigung und war wieder einmal stolz auf ihren Burgemeister.

Nur einer legte seiner Freude kurze Zügel an – Georg Waltklinger. Nicht daß er die Gefahr scheute, die der heraufbeschworene Kampf ihm bringen mußte. Er kannte keine Furcht! Wer so wie er im innersten Herzen von der Rechtlichkeit seines Wollens überzeugt war, wer so gerade Wege ging, der konnte allem, was auch kam, ruhig entgegensehen.

Als er aber zu später Abendstunde beim Kerzenschein in seinem Zimmer saß, kamen ihm allerhand Gedanken und Zweifel, ob er recht gehandelt. Ernst von Miltitz, das fühlte er jetzt, war sicherlich als heimlicher Abgesandter seines Herrn erschienen. Herzog Georg liebte seine alte Markgrafenstadt und es war ihm daran gelegen, mit ihrer Bürgerschaft in Frieden zu leben. Wohl war es die Mehrzahl der sächsischen Städte, die unaufhörlich um die Reformation baten, aber von Meißen schallte dieser Ruf doch am stärksten. Deshalb hatte der Herzog seinem Vertrauten wohl auch die Weisung gegeben, den Rat unverfänglich und in Güte zu überreden, damit er seinen Einfluß auf die Bürger geltend mache. Und der Amtmann, das war nicht zu leugnen, hatte sich seines Auftrags mit Geschick entledigt.

Die hohen Herren waren jedoch, als sie den Plan schmiedeten, von der wirklichen Stimmung im Volke nicht unterrichtet gewesen. Der Bürger wollte nicht nachgeben, ja, er konnte es nicht mehr. Der Geist des Wittenbergers war schon zu tief in aller Seelen eingedrungen. Und wenn der Herzog selbst käme und es versuchte, und wenn er bäte! – man könnte ihm doch nur eine Antwort geben! Soweit also war Waltklinger beruhigt.