War es aber notwendig gewesen, dem Amtmann so scharf zu erwidern, wie er es getan? O, – persönlich empfand Georg Waltklinger lebhafte Befriedigung darüber. Denn den Amtseifer des neuen Herrn hatte die Stadt schon wiederholt wie Nadelstiche empfunden. Und dann! War nicht gerade Ernst von Miltitz einer von jenen Adligen, die auf die verhaßten Städter von oben herabsahen? Dem konnte es nicht schaden, daß ihm einmal ein freier Bürger und der erste Vertreter einer Stadt so unbeugsam entgegen getreten war!

Aber die Bürgerschaft! Konnten für sie nicht schwere Nachteile erwachsen? Der Amtmann würde sicherlich Gelegenheiten suchen, wo der Stadt etwas am Zeuge zu flicken war. Und finden würde er dabei etwas! Er konnte ihr überall Schwierigkeiten bereiten, wenigstens solche, die wirtschaftliche Einbußen bedeuteten. Doch man hatte ein ruhiges Gewissen; der Haushalt der Stadt war geordnet. Aber doch freute sich der Burgemeister im stillen, daß seine starke innere Erregung ihn nicht fortgerissen hatte, als er dem Amtmann gegenübergestanden.

Sorgen und Aufregung hatten ihm also die letzten Wochen zur Genüge gebracht.

Georg Waltklinger hielt den Kopf auf den Tisch gestützt, als eine Hand leise über sein Haar strich. Er wandte sich um.

»Ach, Sonnhild,« sagte er zerstreut, »bist du noch wach?«

»Ich habe darauf warten wollen, bis du mit deinem Grübeln zu Ende gekommen wärest. Aber du findest kein Ende.«

»Laß deinen Vater, Kind, du kannst seine Sorgen ja doch nicht teilen,« versetzte Waltklinger.

»Lieber Vater, du vergißt über deinen Geschäften alles, das ganze Haus und – auch mich!«

Der wehmütige Klang dieser Worte drang Waltklinger zum Herzen. Und er wurde sich bewußt, daß er seine Tochter wenig an den Zerstreuungen ihrer Altersgenossinnen teilnehmen ließ, sondern geflissentlich an das Haus bannte, damit die Zeit noch lange hinausgeschoben würde, zu der er ihre Liebe mit jemand anderem teilen mußte. Hatte er dann aber nicht auch die Pflicht, Sonnhild durch vieles Beisammensein mit ihr zu entschädigen? Tat er dies?