Georg Waltklinger fühlte, daß er darin gefehlt. Zärtlich schlang er den Arm um Sonnhild und zog sie auf seinen Schoß nieder.

»Mein Töchterchen,« sagte er tröstend, »die Zeiten werden auch wieder besser. Ich will mich fortan immer rechtzeitig daran erinnern, daß daheim mein Sonnenschein auf mich wartet.«

Dazu hob er ihren Kopf auf und sah in ihre bekümmerten Augen.

»Lieber Vater,« sprach Sonnhild, sich erhebend, »weißt du es nicht, welchen Tag wir heute schreiben?«

Georg Waltklinger horchte auf und sann nach. Da lief plötzlich eine dunkle Röte über sein Gesicht, daß er wie ein Schuldbewußter vor seinem Kinde saß.

»Verzeihe deinem Vater, Sonnhild!« sagte er in tiefer Rührung. »Es ist heute das erstemal, daß ich ihren Todestag ohne Feier habe vorübergehen lassen. Komm, laß uns das Versäumte nachholen.«

Und er nahm den doppelarmigen Leuchter von schwerem Silber und ging mit ihm voran in das erste Stockwerk. Als sie durch die Reihe der Prunkstuben hindurchschritten, schallten ihre Schritte dumpf von den Wänden zurück.

In dem hintersten Gemach angekommen, stellte Waltklinger den Leuchter nieder. Dann neigte er sich über einen kleinen Betstuhl, der noch von Urgroßvaters Zeiten stammte, und zog an einer niederhängenden Schnur, worauf sich ein grünseidener Vorhang teilte und eine in Öl gemalte Leinwand sichtbar wurde. Der dunkle Rahmen umschloß ein herrliches Frauenbildnis. Der Kopf war bedeckt mit einer schweren Last golden glänzenden Haares. Und das schmale Gesicht trug einen unaussprechlich lieblichen Ausdruck.

»Laß uns beten,« sagte Georg Waltklinger.