Da knieten Vater und Tochter nieder und beteten leise miteinander. In dem Gemach herrschte tiefe Stille. Nur der Wurm nagte leise in dem Getäfel der hohen Wände, und die seltsam geformten Schatten des flackernden Kerzenlichts huschten gespenstisch darüber hin.
Hierauf erhoben sie sich und sahen lange stumm in das engelschöne Gesicht an der Wand. Endlich wandte sich Waltklinger zu Sonnhild, legte ihr die Hände auf das Haupt und sprach mit Inbrunst:
»Bleibe ebenso gut und edel und rein, mein Kind, wie du bisher warst und wie deine Mutter es gewesen ist!«
Siebentes Kapitel
Eine große Enttäuschung
Bernhard von Miltitz sehnte voll Ungeduld die nächste Zusammenkunft mit Sonnhild herbei. Die Tage bis dahin vertrieb er sich damit, einsam durch Wald und Flur zu streifen. Sein einziger Gedanke war sie! Und sein Herz schlug vor Freude rascher, wenn er sich mit aller Lebendigkeit die Erinnerung daran zurückrief, wieviel freundliche Worte und Blicke Sonnhild für ihn besessen. Zuweilen fuhr er nachts aus dem Schlafe auf. Dann meinte er, das Mädchen müsse vor ihm stehen. So lebhaft hatte er von ihr geträumt.
Als endlich der Tag des Wiedersehens gekommen, machte sich der Jüngling schon lange vor der festgesetzten Zeit auf den Weg. Er hatte sich heute mit besonderer Sorgfalt gekleidet und das braune Haar fleißig gebürstet, daß es in zierlichen Wellen herabhing. Auch einen prächtigen Stickereikragen hatte er auf die Schultern gelegt und nagelneue, braune Knöchelschuhe angezogen.