So ging er leichten Schrittes durch die Gassen der Stadt. Manche Jungfrau, die dem vornehmen Junker begegnete, hätte ihn gar zu gern genauer betrachtet. Aber die gute Sitte verlangte, daß sie mit niedergeschlagenen Augen an ihm vorbeiging. Nur die jungen Bürgerstöchter, die an den Fenstern hinter den blütenweißen Vorhängen standen und sich die Zeit damit vertrieben, auf die Vorübergehenden hinabzuschauen, verfolgten den Jüngling mit den Augen, so weit sie konnten. Sein feines, bleiches Gesicht – das nur ein wenig zu ernst war –, fesselte ihre Aufmerksamkeit in hohem Maße und seine Haltung entzückte sie.

Als Bernhard zum Lommatzscher Tor hinausschritt, mußte er unwillkürlich des Mädchens gedenken, dem er jüngst begegnet war. Aber ebenso rasch, wie dieser Gedanke gekommen, verschwand er wieder. Sonnhild stieg vor seinem Geiste herauf und hielt all seine Sinne im Bann.

Der Jüngling setzte sich neben der Straße auf einen Stein, um hier das Mädchen zu erwarten. Da schlug es vom Dom mit dumpfen Schlägen die vierte Stunde. Bernhard sprang auf. Sollte er Sonnhild verfehlt haben? Sie hatte heute gewiß einen andern Weg gewählt. Vielleicht war sie in großer Ungeduld noch früher hinausgegangen als er und erwartete ihn an der bekannten Stelle.

Mit eiligen Schritten lief Bernhard durch den Wald. Schon während des Nahens suchten seine Augen die weiße Gestalt unter den grünen Bäumen. Aber er konnte sie nicht entdecken. Endlich hatte er das Ziel erreicht, – Sonnhild war nicht zu sehen. Er eilte zu einigen anderen Punkten, wo er mit ihr schon einmal verweilt, suchte alles mit den Augen ab, rief »huhu!« und darauf wiederholt ihren Namen – umsonst. Seine Stimme verhallte im Walde.

Da kam das Gefühl einer großen Enttäuschung über ihn. Er warf sich auf das schwellende Moos, verschränkte die Arme unter dem Kopf und sah starr auf das leise Spiel des Windes in den Blättern. Bald setzte er sich jedoch hastig wieder auf und sprang endlich in die Höhe. Das heimliche Angstgefühl hatte ihn gepackt, Sonnhild könne krank geworden oder ein Unglücksfall möchte ihr zugestoßen sein.

Unschlüssig, wie er sich hierüber Gewißheit verschaffe, trieb es ihn rastlos in die Kreuz und die Quere, bis er endlich wieder auf dem alten Fleck stand. Jetzt zwang sich Bernhard zum ruhigen Nachdenken. Es mußte doch nicht gerade Krankheit sein, was Sonnhild am Kommen verhindert hatte. Konnte nicht das Gespräch, welches sie gepflogen, die Ursache sein, daß Sonnhild ein nochmaliges Zusammentreffen mit ihm vermied? Der Zwist ihrer Väter und sein Bekennen zur katholischen Kirche – –.

»Dieser unselige Religionshader,« seufzte der Jüngling, »nun empfinde auch ich ihn.«

Traurig strich er ziellos durch den Wald, von Zeit zu Zeit nach dem Aussichtspunkt zurückkehrend mit der leisen Hoffnung, das Mädchen könne sich noch verspätet eingefunden haben. Er zermarterte seinen Kopf mit Plänen, wie es ihm wohl möglich sei, Sonnhild heimlich zu sprechen. Aber er gab einen Entschluß nach dem andern wieder auf. Mit ihrer Ausführung hätte er Sonnhild sicher nur geschadet.

Nun ging der Tag zur Rüste, und jede Hoffnung, das Mädchen noch zu sehen, entschwand. Bernhard schaute noch einmal hoch über den Strom hinweg, nach den Weinbergen, die im Widerschein des aufleuchtenden Abendrots in einen Schimmer von Purpur getaucht waren. Dann richtete er den Blick auf das herrliche Meisterwerk Konrads von Westfalen, das Markgrafenschloß, dessen zahlreiche Fenster rot glühten, als stehe hinter ihnen alles in Flammen, und auf den altehrwürdigen Dom. Die Strahlen der scheidenden Sonne umschmeichelten das goldene Kreuz in schwindelnder Höhe, als wenn das Himmelslicht die letzte Dulderstätte seines Herrn und Meisters, dieses irdische Symbol des höchsten Heils noch einmal küssen wolle.

Aber der Jüngling hatte heute für die überwältigende Schönheit dieses Anblicks kein Auge. Seine Sonne strahlte nicht! Und vor seinem bangen Blick zogen drohende Schatten herauf.