Müde begab er sich auf den Heimweg. Als er die Straße erreicht hatte, bemerkte er eine weibliche Gestalt, die seitwärts an einem Baum lehnte, als wenn sie ihn schon seit langem erwartet habe. Es war das Judenmädchen.
Sie stand in steifer Haltung und hielt die Augen unverrückt auf ihn gerichtet. Bernhard sah kurz hinüber. Und auch heute hatte er wieder das Empfinden, als wenn er Sonnhilds Augen sähe.
Ihrer nicht achtend, ging er vorüber. Da hörte er, wie sie ihren Platz verließ und ihm in kurzer Entfernung folgte. Bernhard verdroß dies. Er blieb stehen, um sie vorbeizulassen. Sobald sie jedoch seine Absicht erkannte, blieb sie ebenfalls stehen. Da warf er ihr einen strafenden Blick zu. Sie fing ihn gleichmütig auf, und Bernhard sah, wie ihre Augen verzehrend auf ihn gerichtet waren.
Er wandte sich wieder zum Gehen; sie folgte ihm. Er blieb stehen – sie auch. Nach einer Weile tat er es noch einmal, – das Spiel wiederholte sich.
Da ward der Jüngling zornig. Er trat auf das Mädchen zu und fuhr sie hart an. Aber es schien, als wenn sie seine barschen Worte nicht verstünde. In ihr marmorweißes Gesicht schoß ein schwaches Lächeln, und in den glutvollen Augen loderte es auf. Das Schweigen des Mädchens erbitterte Bernhard, daß er sie wütend schalt. Da wurde das Lächeln auf ihrem Gesicht stärker; es drückte die Befriedigung aus, die sie an seiner Gegenwart empfand.
Bernhard stand ratlos da. War sie erfreut, wenn er sie schalt? Er mußte es annehmen! Was für ein rätselvolles Mädchen war dies! Was wollte sie von ihm! Da schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Sie war sicherlich kein Kind des Landes, und seine Sprache war nicht die ihrige.
»Verstehst du, was ich zu dir spreche?« fragte er.
»Ich verstehe Euch,« klang es zurück.
Da sah Bernhard dem Mädchen verständnislos ins Gesicht. Dann wandte er sich ab und verfolgte den Weg weiter, sich nicht mehr daran kehrend, daß sie ihm wie sein Schatten folgte.
Als sie das Stadttor erreicht hatten, drängte sie sich an ihn heran und blickte ihm noch einmal ins Gesicht Dann blieb sie stehen. Da trat aus der Wohnung des Torhüters eine Frau von unverkennbar jüdischem Aussehen, deren Gesicht noch die Spuren einstiger hoher Schönheit trug. Die sagte zärtlich zu dem Mädchen: