»Mirjam, mein Seelchen, wo bist du so lange gewesen?«
Das Mädchen achtete aber nicht auf diese Frage, sondern fuhr die Frau an:
»Mutter, gib mir Geld auf ein Paar neue Schuhe!«
Während der hierauf folgenden Woche ging Bernhard täglich vor das Lommatzscher Tor hinaus, ohne jedoch Sonnhild wiederzusehen. Sein Gemüt umdüsterte sich, und er wurde tieftraurig. Jeden Morgen hoffte er von neuem, daß sie sich heute einstellen würde, und jeden Abend ging er mißmutig und enttäuscht nach Siebeneichen zurück.
Das Judenmädchen stand Tag für Tag wie eine Bildsäule unter dem Baum, seiner wartend. Wenn er vorbeigeschritten war, heftete sie sich lautlos an seine Fersen. Bernhard hatte noch einen letzten Versuch gemacht, sie davon zu jagen. Aber sie hatte seinen Zornausbruch teilnahmlos über sich ergehen lassen. Und als er die Hand erhoben, um sie zu schlagen, hatte sie gelächelt. Seitdem kümmerte er sich nicht mehr um sie und vergaß zuweilen völlig, daß sie in seiner Nähe war.
Nun waren sieben Tage vergangen, ohne daß Bernhard Sonnhild wiedergesehen hätte. Es war wieder Samstag. Bernhard lag an derselben Stelle, wo sie sich getroffen, im Grase und träumte mit offenen Augen von ihr. Das Herz war ihm schwer. Er wußte nicht, ob das Mädchen krank war, oder ob sie nichts mehr von ihm wissen wollte.
Endlich erhob er sich von dem weichen Moosteppich, mit dem Entschlusse, einen gewaltsamen Versuch zu wagen, Sonnhild wiederzusehen. Da fielen seine Augen auf die Jüdin. Sie stand unweit von ihm und blickte ihn an – flehentlich und verlangend. Bernhard fühlte sich gefesselt von diesen ausdrucksvollen Augen, und er empfand eine unerklärliche Unruhe. Das Blut drang ihm heiß in die Schläfen, und seine Pulse flogen.
Mit feinem Instinkt merkte das Mädchen blitzschnell diese Veränderung. Sie tat einen geschmeidigen Katzenschritt und stand nun dicht vor ihm. Bernhard sah ein frohlockendes Lächeln auf ihren halbgeöffneten Lippen und unterschied das heftige Wogen ihres Busens. Die Einsamkeit des Waldes und das verschwommene Licht steigerten die Wirkung, die das Mädchen auf den Jüngling ausübte. Sein ganzer Körper zitterte, und eine starke Macht, die er noch nie empfunden, drängte ihn zu der Jüdin hin. Schon fühlte er seinen Widerstand schwinden, – da raffte er noch einmal allen Willen zusammen.