»Wie der Tag doch wieder herrlich ist,« sagte Bernhard und schaute versonnen in den goldenen Glanz, der auf den Weinbergen und über den Fluren lag. »Das eine bleibt mir, und wenn ich auch noch so weit von dir sein werde: die Sonnenstrahlen, die dich wärmen, kommen auch zu mir. Und wenn ich in wachen Nächten an meinem Fenster sitze und zu den Sternen aufsehe, dann werde ich Trost in dem Gedanken finden, daß auch deine Augen diese Sterne erblicken.«
»Bernhard,« sagte Sonnhild leise, »es ist besser, wenn du die schönen Stunden, die wir zusammen verlebt haben, bald vergißt. Zerquäle deine Brust nicht. Laß das Neue auf dich wirken. Du wirst andere Länder und Menschen sehen und viel Herrlichkeit und Pracht. Auch an andern Mädchen wird es nicht fehlen, die viel schöner sein werden, als ich. Und du wirst nicht mehr begreifen, wie du mich einst begehren konntest.«
Der Jüngling schüttelte mit abgewandtem Gesicht den Kopf.
»Wohl bin ich noch jung,« versetzte er langsam, »aber ich fühle eine Lebensreife in mir, die höher ist als meine Jahre. Darum ist das, was ich empfinde, die Überzeugung eines Mannes, der sich geprüft hat. Gefühle, so heilig und stark, wie sie mich jetzt erfüllen, können für eine andere nicht noch einmal erwachen. Mein Herz wird sich verhärten, und die frühlingsjungen Pflänzlein, die in ihm sprießen, werden verdorren bis zur Wurzel.«
»Sieh, Bernhard,« sagte Sonnhild mit tiefem Weh in der Stimme, »es muß aber doch sein!«
»Ich bin nicht davon überzeugt. Starke Liebe, die treu und wahr ist, überdauert alle Stürme des Lebens!«
Sonnhild wollten die Sinne schwinden, und jeder Blutstropfen wich aus ihrem Gesicht. Aber sie blieb stumm.
»Morgen zu dieser Stunde sind wir schon weit von Dresden entfernt,« sagte Bernhard in Gedanken verloren. »Und in acht Tagen? Wer mag es wissen. – Aber ich bin heute nicht gekommen, um noch einmal zu klagen,« fuhr er mit Festigkeit fort. »Jetzt heißt es kämpfen. Täglich und stündlich mit der Macht ringen, die dem beschwichtigenden Verstand und dem wohltätigen Vergessen trotzt. Doch – schweig' ich still davon …«
Ein düstrer Zug umspielte die Lippen des Jünglings und gab seinem bleichen Gesicht etwas Herbes. Während der letztverwichenen fünf Jahre hatte ihn die Erinnerung an Sonnhild nie verlassen. Wie eine überirdisch schöne Erscheinung war ihr Bild in seiner Seele heraufgestiegen, wenn sich der ernste Jüngling inmitten seiner anders gearteten Altersgenossen einsam gefühlt hatte. Und dann war nach all dem langen Hoffen und Harren das heiße Sehnen erfüllt, der herrliche Traum war zur Wirklichkeit geworden.