Aber ebenso rasch, wie dieser Gedanke Bernhard gekommen, entschwand er ihm wieder. Er bog links ab zur Schloßfreiheit und kam zum Afrakloster. Als er dieses erreicht hatte, trat ein Priester aus der Tür, angetan mit dem Meßgewand und in den Händen das Kruzifix und den Kelch mit der Hostie. Er befand sich auf einem Versehgang, daß er einem Sterbenden sein letztes Stündlein erleichtere. Die beiden Ministranten gingen voran. Und da gerade ein paar Leute des Wegs kamen, ließen sie die Klingeln ertönen. Aber die Männer beugten das Knie nicht, sondern schritten mit abgewendeten Blicken vorüber. Es waren Lutherische. Bernhard kniete jedoch nieder. Und als ihm der Priester das schwarze Kreuz entgegenhielt, küßte er entblößten Hauptes die silberne Gestalt des Erlösers. Alsdann faltete er die Hände, neigte das Haupt darüber und flüsterte: »Hilf uns, heilige Maria, Gottesmutter, in unserem schweren Herzeleid!«
Darauf schritt der Mönch die Stufen des Steigs hinunter, während Bernhard am Schleinitzer Hof vorbei über die hohe Brücke ging, deren gewaltiger steinerner Bogen, den Hohlweg überspannend, den Schloßberg mit dem Afrafelsen verbindet. So kam er zum Burgtor, durchmaß den kleinen Schloßhof und ging dann am Kornhaus vorbei quer über den Domplatz.
Vor dem Domkeller zu seiner Rechten standen ein paar Handelsjuden, die mit lauten Worten und unter lebhaften Gebärden ein Geschäft abschlossen. Die Domherrenhäuser, die Dechanei und das bischöfliche Wohnhaus lagen in tiefster Ruhe.
Im Vorbeischreiten warf der Jüngling träumend den Blick auf das Schloß und auf die hohen Fenster des alten Doms. Dann gelangte er auf den hinteren Schloßhof. Da blieb er stehen und schaute zurück, ob kein neugieriges Auge ihm folge. Aber er sah keinen Menschen. Oder täuschte er sich? War dort hinter der Ecke des Doms nicht blitzschnell eine flüchtige Gestalt verschwunden? Bernhard schalt seine Phantasie. Nun sah er schon am hellichten Tage Gespenster!
Mit raschen Schritten gewann er den lauschigen Platz. Da stand wie gestern Sonnhild und wartete.
Das Mädchen kam ihm ein paar Schritte entgegen, und sie begrüßten sich. Sonnhild sah bleich aus, und tiefer Ernst lag auf ihrem Gesicht. Sie betrachtete den Jüngling forschend und fragte endlich:
»Bist du krank, Bernhard?«
»Nein, Sonnhild,« erwiderte er, »nur der Schlaf und die Lust am Essen fliehen mich. Nun ich bei dir bin, ist ja alles gut.«
Das Mädchen antwortete nicht.