»Sonnhild,« fragte Bernhard eindringlich, »vergißt du auch nicht das schier Unüberwindliche, das zwischen uns steht?«

»Nein, ich vergaß es nicht,« flüsterte sie, »aber zwischen unserer Liebe soll nichts stehen!«

Da drückte er das zitternde Mädchen an seine Brust, und ihre Lippen fanden sich zum ersten Kuß.

»Bernhard,« sagte Sonnhild, sich aufrichtend, »ich konnte dich nicht so ziehen lassen. Nun werde ich stark genug sein, die Trennung zu ertragen. Meine treue Liebe wird dich begleiten und mein Gebet dich beschützen.«

In seligem Empfinden zog Bernhard das Mädchen von neuem an sich.

»Mein Geliebter,« sprach Sonnhild innig, »wir wollen Geduld üben. Welch wunderbare Fügungen sendet zuweilen der Himmel! Mag es noch so schwer erscheinen. Wahrhafte Liebe – du sagtest es bereits – überwindet alles!«

Da vernahmen sie ein leises Brechen von Zweigen. Und wie sie rasch die Umarmung lösten und sich umwandten, blickten sie eine Sekunde lang in ein Frauenantlitz, das so blaß und verzehrt war, wie das Gesicht eines schwer leidenden Menschen. Aber die großen, blauen Augen unter dem pechschwarzen Haar glühten vor innerm Feuer. Dann schlug das Gebüsch wieder zusammen, und die Erscheinung war verschwunden.

»Wer war das?« fragte Sonnhild in banger Besorgnis.

»Ängstige dich nicht, mein Lieb,« antwortete Bernhard begütigend. »Ein junges Judenmädchen war es, dem ich wiederholt begegnet bin, als ich vergebens vor das Stadttor ging.«