Wie auf Sturmesflügeln eilte die Botschaft durch die deutschen Lande, daß der beherzte Reformator Papst und Kaiser getrotzt, indem er auf dem glänzenden Reichstage zu Worms vor einer großen Anzahl von Fürsten und hohen Würdenträgern der Kirche in gewaltiger Rede seine neue Lehre verteidigt hatte.
Begeisterung riß das Volk hin, und endloser Jubel brach allerorts aus. Man fühlte: es waren Ketten abgefallen. Und vom Knäblein bis zum Greis sprachen die Menschen wie ein Gebet das herrliche Wort: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen!«
Wohl begann noch einmal ein großes Streiten, bevor die erhitzten Geister zur Ruhe kamen: der Bauernkrieg loderte auf, und auch die Fürsten zogen aufs neue vom Leder. Aber bei diesen Kämpfen und allen feindseligen Anfechtungen erstarkte die neue Kirche immer mehr und entwickelte sich zu einem unüberwindlichen Bollwerk gegen ihre Widersacher. Zahlreich waren die Übertritte. Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen war der erste deutsche Fürst, der mit seinem ganzen Volke die neue Lehre annahm. Andere folgten. Besonders groß war der Eifer im Bürgerstand.
Die herzoglichen Sachsen sahen mit scheelen Augen nach Dresden, wo ihr Landesherr, Herzog Georg, den die Nachwelt den Bärtigen nennt, seinen Hof hatte. Dieser Fürst wollte nichts von dem neuen Evangelium wissen.
Die beiden Söhne des Herzogs waren gestorben. Damit nun das Land nicht an seinen eifrig protestantischen Bruder Heinrich falle, hatte Herzog Georg ein Testament errichtet, wonach Sachsen nur unter der Bedingung Heinrich vererbt werde, daß dieser den alten Glauben unangerührt lasse. Andernfalls sollten der Kaiser und König Ferdinand das Herzogtum erhalten.
So lagen die Verhältnisse um die Zeit, da Bernhard von Sonnhild Abschied genommen hatte. Wie alle andern Städte des Herzogtums, grollten auch die Bewohner Meißens ihrem Landesfürsten. Denn mit Ausnahme weniger war das ganze Land für die neue Lehre. Aber es wollte kein Hoffnungsschimmer heraufdämmern, daß das heiße Sehnen des Volkes gestillt würde.
Da eilte die überraschende Kunde von dem schnellen Tode des Herzogs Georg durch Sachsen. Darauf hörte man, daß Herzog Heinrich sich von seinem Aufenthaltsort Freiberg nach Dresden begeben habe, wo er das allgemein bekannte Testament vorfinden mußte.
Würde er die Regierung antreten oder das Land fremden Machthabern überlassen? Für die durch des Verstorbenen letzten Willen gesicherte Beibehaltung des alten Glaubens war es gleich, wie er sich entschied. Aber allenthalben ward der Wunsch laut, daß das angestammte Fürstenhaus dem Herzogtum erhalten bleiben möchte. Denn im Grunde war das sächsische Volk den Wettinern ehrlich zugetan.
Noch waren erst wenige Tage seit der Todeskunde verstrichen, als eine neue Nachricht von Dresden kam, die das Land geradezu alarmierte. Herzog Georg, so hieß es, habe zwar das Testament ausfertigen lassen, aber die Vollziehung sei von ihm hinausgeschoben worden. Nun habe ihn sein plötzlicher Tod daran verhindert, die Urkunde zu unterschreiben und sie damit rechtskräftig zu machen. Herzog Heinrich sei der gesetzmäßig Erbe, und keine Beschränkung hindere seinen Willen.