Von Herbert Eulenberg
Wenn man von Mitau auf der Landstraße nach Doblen zu wandert, trifft man plötzlich eine kurze Strecke vor der Stadt am Rande des Weges zwei Denkmäler: einen kleinen Obelisken und eine Trauerurne. Zwischen beiden, die ungefähr einhundert Meter auseinanderliegen, wächst ein Haufen von Birken. Groß und klein, ganz wild zusammengepflanzt. Ein Anblick, der vielleicht das Auge eines Forstmannes wegen der unregelmäßigen Anlage ärgern kann, aber den romantischer Gesinnten gerade wegen dieser Buntheit sonderbar anziehen mag. Vor allem, wenn er die höchst merkwürdige Geschichte dieser Birkenansammlung vernimmt:
Unter jenen beiden Denkmälern haben nämlich zwei Junggesellen ihre letzte Ruhestätte. Gerade einander gegenüber, so daß sie sich noch aus ihren Särgen anlächeln könnten, wie sie es soundso oft mal in ihrem Leben getan haben. Denn sie waren, solange sie atmeten, unzertrennlich verbunden und mochten darum auch die ganze lange Zeit, die ihnen nach ihrem Tode bevorstand, nicht weit voneinander liegen. Darum kauften sie sich schon bei Lebzeiten diese beiden Grabplätze vor den Toren der Stadt, zu denen sie häufig einträchtiglich nebeneinander hinauspilgerten. Sie hatten jeder einen Feldstein auf die Stelle gerückt, unter der sie begraben sein wollten. Auf diese Steine setzten sie sich oftmals gegen Abend, als sie noch müde werden konnten, und sprachen dann freundschaftlich zueinander hinüber: »Hier werde ich ruhen, Arthur, – Und dort, mir vis-à-vis, wirst du ruhen, Arthur.« Sie waren einander so völlig gleich geworden und harmonierten derart zusammen, daß sie sich sogar auf einen Namen für sie beide geeinigt hatten. Und natürlich mußte dies der Vorname ihres Lieblingsphilosophen Schopenhauer sein, den zufälliger-, oder darf man sagen, unglücklicherweise, einer von ihnen schon führte.
Auf solche Weise lebten sie, da sie sich beide ein hübsches Vermögen erarbeitet und erspart hatten, ohne Sorgen und voller Eintracht zusammen. Lasen Schopenhauer, schimpften über die Menschheit und spazierten an ihren schwarzen Ebenholzstöcken miteinander zu ihren künftigen Gräbern. So verging Jahr um Jahr über ihnen und Mitau. Da ereignete sich plötzlich in einem Frühling etwas ganz Ungeheuerliches, noch nie Dagewesenes in ihrem Leben. Es geschah nämlich, daß sich die beiden Junggesellen allen ihren bisherigen Grundsätzen zum Trotz sterblich verliebten. Der weibliche Gegenstand ihrer Zuneigung ist nie bekannt geworden. Einige Leute in Mitau – man wird gleich merken, was für Leute – behaupten, sie hätten sich beide in ihre alte Köchin und gleichzeitige Waschfrau verliebt. Andere hingegen, die etwas poetischer veranlagt sind, erzählen, sie wären beide für zwei hold erblühte Mädchenknospen, zwei Schwestern, erglüht, denen sie abwechselnd Blumen oder Verse dargebracht hätten. Wie dem auch gewesen sein mag, das eine steht sicher fest, daß sie beide in ihrer Liebe unglücklich gewesen sind. Das oder die Opfer ihrer etwas verspäteten Frauensehnsucht blieb oder blieben hart gegen jede Werbung der beiden armen alten bekehrten Junggesellen. Eine Zeitlang verschlossen sie ihren Gram voreinander, wie sie sich auch geschämt hatten, gegenseitig ihre verliebte Schwäche zu bekennen. Aber eines Abends, als sie sich wieder einmal auf ihren künftigen Gräbern gegenüber saßen, rückten sie mit der Sprache heraus. »Ich war ein Esel, Arthur!« gestand der eine.
»Ich war auch ein Esel, Arthur,« echote der andere.
»Wir waren beide Esel,« stellten sie im Chorus fest.
Zur bleibenden Erinnerung aber an diese wohlverdiente Schmach, die ihnen, die zeitlebens Verächter des weiblichen Geschlechtes gewesen waren, noch kurz vor Todesschluß begegnet war, beschlossen sie eine Bestimmung in ihr gemeinsames Testament aufzunehmen. Ihr zufolge sollte jedem Liebespaar in Mitau, das sich am ersten Tage des Mai, als des Monats, in dem die meisten Menschen derartige blöde Eseleien zu begehen pflegen, verloben oder vermählen würde, eine gewisse Summe Geldes ausgezahlt werden. Zum Dank für diese Ehespende sollte dann ein jedes Paar auf dem Grund und Boden zwischen ihren beiden Gräbern eine Birke pflanzen. Ihnen und ihrer unglücklichen Liebe zum Gedächtnis.
Wenige Wochen darauf starben die beiden Junggesellen am nämlichen Tage oder doch ziemlich kurz hintereinander. Einige Leute – man kann sich denken, was für Leute – behaupten, sie seien an Galle und allzu reichlichem Essen eingegangen. Andere hingegen, die sich das Leben schöner auslegen, meinen, sie seien an gebrochenem Junggesellenherzen gestorben und hätten einander in einer Nacht verabredeterweise süßes Gift im Schaumwein zugetrunken. Wie dem auch gewesen sein mag, das eine steht sicher fest, daß sie beide tot sind, und daß ihr Testament, wie sie es bestimmt haben, in Kraft getreten ist. Von einem jeden Paar, das sich in Mitau am ersten Mai verlobt oder vermählt hat, ist die Summe, die ihm damit gleichsam vom Himmel in den Schoß gefallen ist, stets dankbar eingestrichen worden. Und ein jedes Paar hat dann zum Lohn den unbekannten Spendern, die wie Hymen, der Ehegott, über ihnen walteten, eine Birke gepflanzt. Woher denn die verschiedene Höhe und Größe der Bäume, die sich zwischen den beiden Gräbern erheben, zu erklären ist. Die beiden alten Junggesellen aber liegen auf ihren Rücken in wohlverdienter Ruhe unter der Erde und den ihnen zu Ehren wachsenden weißen Birken einander gegenüber. Einige Leute – man ist selbst im Tode nicht vor ihnen sicher – behaupten, daß die beiden alten Herren dort unten fortwährend einander hämisch angrinsten über die törichten Leute, die sich über ihnen am ersten Tage ihres Ehebundes wunders wie verliebt anstellten und, womöglich mit veranlaßt durch ihre Mitgift, mit der Anpflanzung einer neuen Birke den Grundstein zu ihrem mehr oder minder lebenslänglichen Unglück legten. Andre hingegen, die immer nur das Beste an der Welt sehen, meinen, daß die beiden guten greisen Junggesellen dort unten einander ewig zulächelten voll Seligkeit darüber, daß sie durch ihre Spende auch im Tode noch ihr Scherflein beitragen könnten zu dem süßesten Traum der Menschen, dem Liebes- und Ehetraum.
Es bleibt dem Leser anheimgestellt, sich seiner Gemütsart und seiner Erfahrung folgend für eine dieser beiden Ansichten zu entscheiden.