So ziehen die beiden nun vergnügt weiter auf der Via Appia. Es ist Herbst; die Jäger halten überall ihre großen Jagden ab und schießen die Sperlinge, die Karren mit den Bottichen begegnen ihnen, in denen die Weintrauben eingestampft sind; die lieben Kinderchen sitzen unsagbar schmutzig auf den Trauben und quetschen sie zusammen, und die Männer, welche die Pferde führen, sind bis oben mit rotem Traubensaft beschmiert; von überall her hört man Jauchzen, Singen, Knallen, Schreien, und Boppo fühlt sich so glücklich wie noch nie in seinem Leben; er denkt an seinen Laden in Ariccia, an den Tresen, an die Büchsen mit Zuckerwerk, die auf ihm stehen, und wenn man den Kindern ab und zu eine Kleinigkeit zugibt, dann kommen sie immer; er denkt an die Wagen, welche blankgeputzt über ihm hängen, an das Einwiegen, und dann denkt er auch, was er für ein hübscher Kerl ist, und daß sich das Mädchen neben ihm gleich in ihn verliebt hat. Aber er nimmt sich in acht und verplempert sich nicht, denn man weiß ja nicht, ob sie Geld hat, und ein Kaufmann muß eine Frau mit Geld haben, und das kennt man schon, man denkt, man hat ein hübsches Mädchen, und dann mit einem Male kommt ein Bruder oder Vater und sagt: Heiraten!

Die beiden sind früh aufgebrochen, um noch vor der großen Hitze in Ariccia zu sein. Nun aber beginnen sie hungrig zu werden, denn es ist Frühstückszeit. So gehen sie denn vom Wege ab in eine Wiese, wo unter einer einsamen Pappel ein alter marmorner Sarg steht, als Tränke für die Kühe; das junge Mädchen – wir wollen es nur verraten, es ist die berühmte Colomba, von der selbst Lange Rübe sagt, er könne noch von ihr lernen – steigt von ihrem Esel, der verständig mit den Ohren zuckt und sich dann an das Fressen begibt; sie zieht ein reinliches Tuch hervor, um es auf der Wiese auszubreiten für die mitgebrachten Speisen; da stößt sie plötzlich einen Laut der Überraschung aus; sie hat im Grase ein kleines Päckchen gefunden, das offenbar hier jemand verloren hat, ein sauber und fest verschnürtes Päckchen in steifem Papier mit einer Aufschrift. Sie wendet das Päckchen hin und her, Boppo nimmt es ihr aus der Hand: »Lies du, ich kann nicht lesen,« sagt Colomba, und Boppo buchstabiert die Aufschrift: »An den hochwohlgeborenen Herrn Matteo, Juwelenhändler in Rom.« »Wenn kostbare Steine in dem Päckchen wären?« fragt Colomba. »Erst prüfen, dann urteilen,« erwidert Boppo, zieht sein Taschenmesser und schneidet die Verschnürung auf. Es kommt ein Schächtelchen zum Vorschein und ein Brief. Colomba faßt nach dem Schächtelchen, öffnet es, da liegt auf weißer Seide ein wunderschöner goldener Ring mit einem Smaragden. Sie streift ihn sofort an den Finger und betrachtet ihn verliebt, indem sie ihn in der Sonne spielen läßt; Boppo ergreift ihre Hand und sieht ihn sich genau an. Er wird aufgeregt. »Das ist ein Stück für einen Kardinal,« sagte er, »das ist ein Stück für den heiligen Vater.« »Lies den Brief,« ruft ihm Colomba zu. Er kann sich nur schwer von der Hand mit dem Ring trennen, aber er entfaltet doch den Brief und studiert ihn, indessen Colomba den Ring weiter nach allen Seiten spielen läßt.

»Der Besitzer hat den Ring an Matteo schicken wollen, er ist fünfhundert Scudi wert, Matteo soll ihn ihm verkaufen,« sagt endlich Boppo, nachdem er das Lesen des Briefes beendet hat. Dann fährt er fort: »Ich mache dir einen Vorschlag. Es ist ein Glück für dich, daß ich ein ehrlicher Mann bin. Wir haben den Ring zusammen gefunden …«

»Nein, ich habe ihn allein gefunden,« sagt Colomba.

»Wir haben den Ring zusammen gefunden,« fährt Boppo fort, »du kannst ihn nicht verkaufen, du wirst bloß von den Händlern betrogen. Ich will den Ring annehmen und bezahle dir deinen Teil aus. Ich bin Kaufmann, ich weiß, was ich zu tun habe, mich soll keiner übers Ohr hauen, ich verstehe mich aufs Geschäft. Natürlich habe ich das Risiko. Ich biete dir für deinen Teil hundert Scudi. Abgemacht.«

Colomba beginnt zu weinen. Der Ring ist so schön und steht ihr so gut, und sie würde ihn Sonntags immer tragen, und sie hat ihn doch gefunden, und er gehört doch ihr, und nun will ihr Boppo nur hundert Scudi geben, und sie ist ja ein armes Mädchen, für arme Mädchen sind solche teuren Ringe nicht, das sieht sie wohl ein, aber sie ist nicht so dumm, wie Boppo denkt, sie kann ihn auch selber verkaufen, und hundert Scudi für einen Ring, der fünfhundert Scudi wert ist, das ist eine Ungerechtigkeit, das kann ja der liebe Gott nicht dulden, und sie ist eine Waise, und hat nicht Vater und nicht Mutter, aber für die Waisen sorgt der liebe Gott, und so redet sie weiter und redet immer mehr, und Boppo antwortet ihr, und sie kommen ins Handeln, und schließlich geht Boppo bis hundertfünfzig Scudi. Er holt seinen Beutel heraus, klaubt ihn auf, zählt ihr das Geld vor, sie weint, liest es sorgsam zusammen, zieht ein Tuch und knotet es ein; der Beutel ist recht schmal geworden, wie er ihn mit der Schnur wieder zusammenzieht, aber dafür hat er ja nun den Ring. Sie trocknet sich die Tränen, er will zärtlich ihre Hand ergreifen, aber sie stößt sie von sich und geht zu ihrem Esel. »Was willst du denn tun?« fragt Boppo erstaunt. Sie aber antwortet ihm nicht, sondern steigt auf, und als er immer dringlicher fragt, da erklärt sie ihm, daß er ein Räuber ist, daß sie nicht mehr mit ihm reiten will, denn eigentlich hat sie den Ring allein gefunden, und nun will sie wieder nach Rom, sie muß sich erst ausweinen, denn das hatte sie nicht gedacht, daß es so schlechte Männer gibt. So wendet sie denn ihren Esel zurück, Boppo aber bleibt, und im Grunde ist er nicht ganz unzufrieden, daß er sie nicht mehr sieht, denn nun kann sie ihm doch nicht mehr vorklagen.

Er sah sie also nicht mehr, und er hat sie auch später nicht wieder gesehen, obgleich er sie in Velletri und in Rom suchte wie eine Stecknadel; denn als er seinen Ring zu einem Händler brachte und ihn für fünfhundert Scudi anbot, da lachte der Mann und sagte, daß der Stein aus Glas sei und die Fassung vergoldetes Kupfer. Deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als daß er zu seinem alten Herrn ging und wieder Ladendiener wurde, damit er das verlorene Geld erst wieder zusammenbekam; denn mit dem, was er noch hatte, konnte er bei der heutigen scharfen Konkurrenz keinen Laden in Ariccia eröffnen.

Das Bett

Von Paul Ernst

Die Frau des Polizeihauptmanns Tromba war bei der Frau des Stadtrichters Matta gewesen. Matta ist Richter, und Tromba ist nur Polizeihauptmann; das müßte gewisse Schranken für die weibliche Einbildungskraft setzen, sollte man meinen. Es setzt aber diese Schranken nicht. Die Frau des Richters Matta hat ein Fremdenzimmer, weil vornehme Leute zuweilen Besuch vom Lande bekommen. Tromba bekommt zwar keinen Besuch vom Lande, aber seine Frau findet, daß sie reichlich ebenso vornehm ist wie die Frau des Stadtrichters Matta, denn Frau Matta ist eine reiche Fleischerstochter gewesen und sie eine reiche Bäckerstochter; und deshalb ist es notwendig, daß sie auch ein Fremdenzimmer hat.