In einer wundervollen Frühlingsnacht schritt ein junger Dichter leichtbeschwingt durch die Villengegend der Stadt. Er kam an vielen duftenden Vorgärten vorüber und dann an einem, in dem der Flieder an großen Büschen besonders üppig blühte und duftete, und jetzt sah er, wie ein junges Mädchen in Weiß aus ihrem erleuchteten Zimmer auf den Balkon der Villa, die in dem Garten lag, hinaustrat.

Der Dichter blieb stehen und sah entzückt hinauf: ein reizendes, überraschendes Bild, dieses einsame, weißgekleidete, junge Ding, das sich da oben bei Nacht auf dem von einem feinen Gitter umgebenen Balkon gegen das rötliche Lampenlicht des Zimmers malerisch abhob. Fast unbewegt stand sie da, das Herz des Dichters klopfte laut, und er glaubte die Sehnsucht jener jungen Brust zu empfinden, die unruhige Sehnsucht, die es in dem engen Zimmer nicht mehr ertrug und nun ihre Zuflucht zu den Sternen und Düften der holdbewegten Mainacht nahm.

In Wirklichkeit war jenes junge Mädchen nicht schön, sondern häßlich von Angesicht, und ach, sie war nur deshalb auf den Balkon getreten, weil sie zuviel von einer schweren Speise genossen hatte, die ihr nun Übelkeit und Magenschmerzen verursachte; sie hoffte, daß ihr in der frischen Luft der Nacht besser werden würde.

Der Dichter ging, nachdem er sich eine Weile an der holden nächtlichen Erscheinung begeistert hatte, nach Hause und bildete eins seiner schönsten Gedichte, das später berühmt gewordene Lied von einem jungen, schönen Mädchen, das in der Frühlingsnacht weißgekleidet auf den Balkon ihres Zimmers hinaustritt und die sehnsüchtigen Gefühle ihres Herzens ängstlich hinaufwendet zu dem tröstenden Licht der Gestirne.

Das seltene Buch

Von Hermann Hesse

Vor einigen Jahrzehnten schrieb ein junger deutscher Dichter sein erstes kleines Büchlein. Es war ein süßes, schwaches, unüberlegtes Gestammel von blassen Liebesreimen, ohne Form und auch ohne viel Sinn, wie es viele gibt. Wer es las, der fühlte nur ein schüchternes Gleiten zärtlicher Frühlingswinde und sah schemenhaft hinter knospenden Gebüschen ein junges Mädchen lustwandeln. Sie war blond, zart und weiß gekleidet, und sie lustwandelte gegen Abend im lichten Frühlingsgehölz – mehr bekam man nicht von ihr zu hören.

Dem Dichter hingegen, dem in diesen Versen die Welt umschrieben und gedeutet schien, war dieses ganz genug, und er begann, da er nicht ohne Mittel war, unerschrocken den alten, tragikomischen Kampf um die Öffentlichkeit, um Kritik, um Ruhm, um Liebe, um Gewinn. Sechs berühmte und mehrere kleinere Verleger, einer nach dem andern, sandten dem schmerzlich wartenden Dichter sein sauber geschriebenes Manuskript höflich ablehnend zurück. Ihre sehr kurz gefaßten Briefe sind erhalten geblieben und weichen im Stil nicht wesentlich von den Antworten ab, wie sie heutigen Verlegern in ähnlichen Fällen geläufig sind; jedoch sind sie sämtlich von Hand geschrieben und insofern tatsächlich wirkliche Briefe, als sie sichtlich für ihren einmaligen Zweck geschrieben und nicht einem im voraus hergestellten Vorrat von gleichlautenden Exemplaren entnommen sind. Ostwald hat recht, die Welt ist seither fortgeschritten.

Durch diese Ablehnungen, die er keineswegs verdient zu haben glaubte, gereizt und ermüdet, ließ der Dichter seine Verse nun auf eigene Kosten in 400 Exemplaren drucken. Das kleine Buch umfaßt 39 Seiten in französischem Duodez und wurde in ein starkes, rotbraunes, auf der Rückseite rauheres Papier geheftet (siehe den berühmten »Katalog für Bibliophilen« von Hofrat Lämmerschwanz, Seite 43, 769). Dreißig Exemplare verschenkte der Autor an Freunde. Zweihundert Exemplare gab er einem Buchhändler zum Vertrieb, und diese zweihundert Stück gingen bald darauf bei einem großen Magazinbrande zugrunde. Den Rest der Auflage, 170 Exemplare, behielt der Dichter bei sich, und man weiß bis heute nicht, was aus ihnen geworden ist (siehe die Abhandlungen hierüber von Lämmerschwanz und Wurmb im Archiv für exklusive Bibliophilie, Jahrgang I, 44 ff. und III, 89 ff.). Durch diese exzeptionellen Schicksale, den Brand und das spurlose Verschwinden jenes Auflagerestes, war das kleine Büchlein zur bibliophilen Seltenheit ersten Ranges prädestiniert; nur kannte damals noch niemand den Namen des gänzlich unberühmten Verfassers. Das Werkchen war totgeboren, und der Dichter verzichtete, vermutlich vorwiegend aus Erwägungen ökonomischer Art, einstweilen völlig auf weitere poetische Versuche oder doch auf deren Veröffentlichung.

Etwa zehn Jahre später aber kam er zufällig einmal dahinter, wie man zügige Lustspiele macht. Er legte sich eifrig darauf, hatte Glück und lieferte von da an jährlich seine zwei Komödien oder Possen, prompt und zuverlässig wie ein Fabrikant. Die Theater waren voll, die Schaufenster zeigten Buchausgaben der Stücke, Bühnenaufnahmen und Bildnisse des Verfassers. Dieser war jetzt berühmt, fast weltberühmt, verzichtete aber auf eine Neuausgabe jener Jugendgedichte, deren er sich nun vermutlich schämte. Er starb in der Blüte der Mannesjahre, und als nach seinem Tode eine kurze, seinem literarischen Nachlaß entstammende Autobiographie herauskam, wurde diese begreiflicherweise gierig gelesen. Aus dieser Veröffentlichung erst erfuhr die Welt von dem Dasein jener verschollenen Jugenddichtungen.