Er siegelte den Brief, der viele Bogen füllte, noch in der Nacht, schlief danach einen tiefen Schlaf, und schickte ihn durch einen Burschen zu ihr hinauf. Als er das versiegelte Bündel Papier zum letztenmal in der Hand hielt, fühlte er, daß etwas Schweres damit geschah; doch war er gewöhnt, tapfer zu seinen Dingen zu stehen und nichts zu verbergen, was einmal soviel Gewalt über ihn gewonnen hatte, weil ihm in der Offenheit rauschender Stunden mehr reine Menschlichkeit zu leben schien, als in der Täglichkeit vorsichtiger Überlegung. Er wußte genau, daß es nur einen Ausweg gab nach diesem Brief, wenn sie ihm nicht das Haus verweisen sollte; so wartete er am Morgen und am Mittag den selbstgewählten Gerichtshof ab und dämpfte seinen Trotz erst, als auch der Nachmittag verging, ohne daß eine Nachricht kam.

Umsomehr war er überrascht, als gegen fünf der Knabe heiter wie sonst erschien: Sie sollten mit meiner Mutter noch einen Gang ins Muotatal zur Brücke machen. Auch die Frau, die draußen wartete, war kaum anders als sonst, gab ihm die Hand und fragte, wie ihm die Bergfahrt und die nassen Kleider bekommen wären? Er sah sie unbekümmert lächeln mit allen Zähnen und wußte nicht, ob es Verstellung oder Spott war, und beides verdunkelte ihm ihr Bild, so daß er erst im Gehen Worte fand, ihr für die Einladung zu danken. Sie wehrte den verborgenen Sinn von diesem Dank mit einem Scherzwort ab und blieb auch übermütig, so oft er mit einer Frage an seine Dinge rühren wollte. Dabei kam sie ihm schöner und anmutiger vor als je, wie sie dahin schritt in den Nachmittag, der durch die Entladung der Luft klar und starkfarbig geworden war. Sie gingen durch den Wald von Iberg hinüber, und das moosige Kalkgestein mit seltsamen Höhlen unter Tannenbäumen gab dem Knaben Gelegenheit zu übermütigen Kletterkünsten. Dem Dichter, der sich immer trauriger als Fremder bei ihnen fühlte, und der die Frau – die ihm gestern auf dem Berg und in dem Aufruhr der Nacht so nahe gewesen war – in der Wirklichkeit dieser Wanderung sich hoffnungsloser entfernen sah, als es durch irgendeinen Abschied möglich gewesen wäre, wurde schwer und trotzig zumut.

Als sie denn endlich durch die steile Schlucht hinab ins Muotatal und an die Holzbrücke gekommen waren, wo er den Knaben nackt und knieend gefunden hatte – der nun gleich abwärts in die Felsen kletterte und nach dem rauschenden Spalt hinunterspähte, ob er von seinen Kleidern nicht irgend etwas angeschwemmt fände – so daß sie beide allein unter dem alten Schindeldach der Brücke im Schatten standen und sich von dem sonnigen Gang erholten, vermochte er die Traurigkeit und den Grimm nicht länger zu bemeistern: Ob sie seinen Brief erhalten habe?

Erhalten wohl, sagte sie und schwieg still, als sie vor seinen Augen noch lächeln wollte; doch wurde dasselbe Gesicht voll weiblichem Hinterhalt daraus, das sie ihm gestern beim Abschied gelassen hatte, nur daß in die Schelmerei der Ernst gefallen war: Da er nun einmal geschrieben habe, sei sie ihm das Rezept von ihrem Vater schuldig geworden, dessen Urteil als Landammann von Schwyz im Land wie ein Gesetz gegolten habe. Da ihre Mutter früh gestorben und sie als einziges Kind geblieben wäre, hätte sie anders als sonst wohl eine Tochter zu ihrem Vater gestanden. So habe er ihr schon als Mädchen abverlangt, stets alles in einem Brief zu schreiben, was sie ihm nicht ohne Überwindung sagen könne; er wolle ihr daraus nie etwas vorhalten, so böse und unrecht es auch sei, damit sich nicht aus Resten der Verstimmung in ihrem Herzen allmählich Mißtrauen gegen ihn sammele.

Sie habe das Rezept durch ihre Mädchen- und Jungfrauenjahre treu befolgt, anfänglich oft, dann seltener; sie sei wohl ungerecht und hitzig, doch immer aufrichtig dabei gewesen, da sie gesehen habe, mit welcher Milde der Vater alle Launen, Klagen und Vorwürfe aufnahm. Bis ihr der Hochzeitstag diese Milde zwar auf eine resolute Art, jedoch die Weisheit des Rezeptes um so unerwarteter offenbart habe. Unter allen Geschenken dieses Tages sei nämlich eins gewesen, das ihr der Vater selber in die Hand gegeben habe: ein Kästchen aus poliertem Birnenholz mit ihrem Namenszug in eingelegter Perlmutterarbeit und einem vergoldeten Schlüsselchen; darin hätten all ihre Briefe in der Reihenfolge gelegen, wie sie geschrieben waren, keiner fehlend, und alle ungeöffnet; da, wie auf einem Zettel von ihres Vaters Hand dabei geschrieben stand, es bei solchem Unkraut wohl wichtig sei, daß es aus dem eigenen Herzen heraus käme, nicht aber, daß es seinen Samen in andere Herzen würfe!

Als so die blonde Doktorsfrau aus Schwyz dem Dichter das Rezept von ihrem Vater, dem Landammann, gegeben hatte, holte sie auch seinen Brief heraus, der ein ziemliches Päckchen war: sie habe ihm kein Kästchen aus Birnenholz machen können, wohl aber eine Tasche aus Zürcher Seide, wenn ihm ein Andenken an sie nachdem nicht unlieb wäre.

Da riß der Dichter, der in seiner Enttäuschung die Weisheit des Landammanns nicht schmackhaft finden konnte und sich in einem Spiel gespiegelt sah, wo er im Feuer gebrannt hatte, den Brief aus seiner bunten Hülle und wollte ihn durch die blaugrünen Spalten unter ihren Füßen in die tiefe Muota hinunter werfen. Weil aber das Päckchen mit dem unerbrochenen Siegel zu dick war und sich zwängte, mußte er ihm knieend nachhelfen, so daß der Knabe, zufällig von seiner Kletterei in den Schattengang der Brücke tretend, ihn in der gleichen Stellung überraschte, in der er selber vor zwei Tagen gewesen war. Nur, daß der Dichter nicht aufsprang bei seinen Schritten, sondern tief auf die Spalten gebeugt, zornige Tränen tropfen ließ.

Doch nahm auch diesmal die Natur mit einem Zufall scherzend den Dichter in die Lehre; denn als der Knabe, die Bewegung mißverstehend, durch die Spalten sah, entdeckte er den Brief tief unten, der im Wind statt ins Wasser auf einen rund gewaschenen Felsblock gefallen und mit seinem roten Siegel als eine merkwürdige Sternblume in der Tiefe aufgeblüht war. Heraufholen konnte ihn von da niemand mehr; und als der Knabe erst wußte, daß er ins Wasser sollte, war es ein rasch ergriffenes Spiel für ihn, mit Stöcken und Steinen dem störrischen Papier den letzten Ruck zur Wasserfahrt zu geben. Es war ein grausameres Spiel, als seine Jugend ahnen konnte, aber der Dichter sprang ihm bei; er war es auch, der dem Brief schließlich mit einem Knüppel in den Strudel half, gerade als ein Landmann mit einer Kiepe aus der Brücke kam und sich an ihrem närrischen Tun verwunderte.

Die Frau hatte unterdessen weitab gestanden, wie wenn sie als die Einzige die Grausamkeit von dieser Handlung empfände; nun ging sie wortlos von den beiden den Talweg fort. Der Dichter sah ihr nach, wie sie den Nacken beugte und Schritt für Schritt die schlanken Beine schwer los zu ziehen schien; dann küßte er den Knaben, wie er die Frau nicht küssen konnte, und entließ ihn mit einem letzten Gruß an sie. Denn sie danach zu sehen, vermochte er nicht mehr: sie ging aus dieser Felsschlucht in das sonnige Tal von Schwyz, wo sie im bürgerlichen Kreis ihrer Leute beheimatet war; indessen er mit seiner Seele, durch kein Rezept geschützt, allen Naturgewalten ausgeliefert blieb.

Der Brief mit seinem Siegel war längst in hundert Strudeln geweicht und aufgerissen, die Dunkelheit fiel schon in das letzte warme Licht, als er noch immer dasaß und seine Traurigkeit in der blaugrünen Tiefe suchen ließ. Er sah den Grund der Vergessenheit, auf dem doch einmal alles endigte, was Großes und Erhabenes gelebt und gedichtet wurde. Der Weg für seinen Brief war kürzer und resolut gewesen.