Bremen, im Januar 1918.
Karl Lerbs
Von allerlei Leuten
Der ungebetene schwarze Gast
Von Paul Keller
In einer schlesischen Stadt lebte ein Schornsteinfegermeister, der das war, was man ein »gelungenes Huhn« nennt. Seine Streiche hatten von Jugend auf immer etwas Kühnes gehabt, und da er ein wohlhabender Mann war, konnte er seine angeborene Abenteuerlust auch auf nichtschlesische Gegenden ausdehnen. Eines Tages kam der Schornsteinfeger auf einer Sommerreise nach Friedrichshafen am Bodensee. Da erfuhr er, daß am nächsten Tage die württembergischen Landtagsabgeordneten die Luftschiffanlagen besichtigen und vom Grafen Zeppelin selbst geführt werden würden. Nach der Besichtigung sollten die Herren im königlichen Schloß bewirtet werden, der König und Zeppelin selbst würden dabei die »Honneurs« machen.
In der Seele des schlesischen Schornsteinfegermeisters entstand sofort ein kühner Plan. Er verschaffte sich eine passende Kleiderausrüstung und mischte sich am nächsten Morgen mit der zuversichtlichsten Miene der Welt unter die württembergischen Abgeordneten, ließ sich auch gar nicht dadurch beirren, daß ihn dieser oder jener etwas »befremdet« ansah, sondern »besichtigte« die Luftschiffanlagen und hörte den Erklärungen Zeppelins mit regem Interesse zu. Nachmals, als er in sein schlesisches Heimatstädtchen zurückgekehrt war, zeigte er voller Stolz die Photographien, die in Friedrichshafen aufgenommen worden waren, und auf denen unser Schornsteinfegerlein immer in dichtester Nähe von Zeppelin stand. Auch die illustrierten Zeitschriften haben ihn damals so verewigt.
An dem Tage selbst aber, als die »Führung« beendet war und die gastronomischen Genüsse kamen, die Bewirtung, dachte unser Meister: »Ich tue nichts Halbes; ich bleibe bei der Sache!« Er entwickelte im Schloß, wo ein »zwangloses kaltes Büffet« aufgestellt war, einen glänzenden Appetit; als er sich aber gerade einen Benediktiner zu Gemüte führen wollte, tippte ihn jemand auf die Schulter und fragte ganz leise: »Sie sind wohl ein blinder Passagier?«
Dunnerwetter, erschrak der Schornsteinfeger und begoß sich die Nase! Aber der andere blinzelte ihm beruhigend zu und flüsterte im schönsten Berlinerisch:
»Ick nämlich ooch!«