Meister Gottfried, der während des frech-gewaltigen Geredes sich nur einmal, allerdings ziemlich verdächtig, nach dem Sprecher umgedreht hatte, tat noch einen letzten Zug, brummte zu Böcklin: »Sei so gut!« und legte den Zigarrenrest auf den näher geschobenen Aschenbecher behutsam ab. Auf einmal schoß ihm eine Blutwelle zu Kopf, rot wie der Seewein, die Zornesader schwoll: »So'n Scheißjunge, chaibe!« Er zerknüllte mit der Rechten sein Taschentuch und steckte es heftig in die hintere Rocktasche. Böcklin murmelte gelassen bremsend, leichthin: »Laß den Bengel!« Doch schon war der »gesatzliche« annähernde Siebziger wie ein Jüngling emporgeschnellt, rückte auf seinen kurzen Beinen mit dräuendem Schicksalstempo wutbebend auf den Nebentisch los und versetzte mit dem lakonischen Begleitspruch: » Ehrfurcht, Mosjöh! « dem rosig winkenden Bäcklein des Schillerzerschmetterers einen saftigen Streich von klatschender, klassisch-naturalistischer Wahrheit und Lebensgewalt.

Schleunig und scheu, selbst ohne zu zahlen, wie ein schmählich gezüchtigter armer Sünder und unfreiwilliger Zechpreller, drückte sich der zukünftige Anwalt der Gerechtigkeit lautlos seitwärts zur Nebentüre hinaus.

Gottfried Keller aber, ohne sich irgend umzusehen, kehrte von seinem handgreiflichen dichterpädagogischen Streifzuge zu seinem Tische zurück und pflanzte sich mit idyllischer Gemächlichkeit auf seinen warmen Platz, wo schon ein neues Schöpplein des wieder völlig beruhigten trinkfesten Altmeisters herzenskundiger und weltweiser Erzählungskunst harrte. Böcklin nickte bloß bestätigend: »Gut so!«, die Hottinger Seßhaften steckten, den jüngsten »Streich« ihres eigenlaunigen Ehrenbürgers einen Augenblick neugierig beschwatzend, die Köpfe enger zusammen, und ein »hierorts« unbekannter, gründeutscher Dichterstudent lachte in der Ecke verständnisvoll beifällig in sich hinein, wozu er ein Glas bräunlich mißfarbenen, aber prickelnd süßen »Sausers im Stadium« stillvergnügt hinunterschlürfte.

Klaus Groth

Von Carl Bulcke

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war ich Student in Kiel. Klaus Groth wohnte in seinem schönen Gartengrundstück am Niemannsweg, war nahe den Siebzigern, groß, hager, ehrwürdig und einsam – er sah übrigens genau so aus, wie ihn Hans Olde gemalt hat: der helläugige Blick grüblerisch und langsam. Wir Studenten verehrten ihn sehr. Diese Verehrung war indessen nicht ganz ohne Einschränkung: denn er galt für eitel.

Die Kieler Universität hatte, wohl nur um ihn und sich zu ehren, ihn in ihren Lehrkörper aufgenommen und zum Professor ernannt. Demzufolge war seit Jahr und Tag an dem Schwarzen Brett in der Vorhalle der Universität regelmäßig auch eine Vorlesung von Klaus Groth angekündigt. Das Thema lautete Jahr für Jahr: »Lessing und seine Zeit«. Und dazu stand: »Persönliche Anmeldung von 2–3 nachmittags.«

Um es gleich zu sagen: diese Vorlesung hat Klaus Groth nie gehalten. Geschah es, und es geschah oft, und es geschah auch mir, daß nachmittags zwischen zwei und drei ein Student sich zu ihm verirrte, so empfing ihn der Professor mit Wohlwollen unten in seiner »Kajüte« – so nannte er sein Arbeitszimmer, das nach alter holsteinischer Sitte troglodytenmäßig im Keller des Hauses lag – und erklärte, daß er diesmal leider die Vorlesung ausfallen lassen müsse, da sich außer dem Besucher niemand gemeldet habe. Es waren noch schöne alte Zeiten.

Also wollten wir eines Tages den Professor auf die Probe stellen und erschienen nachmittags zwischen zwei und drei gleichzeitig zwölf Mann hoch: So und so, und wir wollten alle die Vorlesung über »Lessing und seine Zeit« belegen. Einer war der Sprecher, wir andern hielten uns im Hintergrund.

Klaus Groth stand prachtvoll groß mit gesenktem Kopf vor uns, die hellen holsteinischen Augen grüblerisch geradeaus, und sagte mit Humor: »Ein Komplott, meine Herren. Sein Sie ehrlich und gestehen Sie, daß Lessing und seine Zeit Ihnen ganz egal ist, dann will auch ich ehrlich sein und Ihnen gestehen, daß auch mir Lessing und seine Zeit ganz egal ist. Sie wollen ja auch gar nicht, meine Herren, den alten Professor hören, Sie wollen sich ja bloß den alten Dichter ansehn. Na, und wenn ich nun jedem von Ihnen die Hand gebe und Sie später Ihren Kindern erzählen können, der alte Klaus Groth hat mir die Hand gegeben, so lassen Sie's damit genug sein.«