Von diesem Angriff und dessen Erfolg spricht die Weltgeschichte; doch Napoleons Sieg vor der Schlacht war größer!
Revolution
Von Paul Ernst
Im Jahre Achtundvierzig fanden bekanntlich an einigen Orten in Deutschland Unruhen statt. Deren eigentliche Bedeutung war, daß den veränderten Verhältnissen entsprechend sich verschiedene Einrichtungen des öffentlichen Lebens hätten ändern müssen; aber da sich bei den Akten kein Vorgang für solche Änderungen fand, so geschahen sie immer nicht, bis endlich der weniger einsichtsvolle Teil der Bevölkerung ungeduldig wurde. Diese Ungeduld aber hielt man für revolutionäre Stimmung, und als sie sich äußerte, da glaubten sowohl die Regierung als auch die Ungeduldigen, daß eine Revolution gemacht werde.
Man erzählt, daß damals in Berlin zwei Geheimräte, Exzellenzen und Abteilungsvorstände in ihren Ministerien, sich auf der Straße getroffen haben, sich kummervoll begrüßt und dann einander gefragt, was denn eigentlich der Grund für die Revolution sein könnte. Sie wußten es beide nicht. »Es kommt ja wohl einmal vor bei uns, daß ein Rest bleibt; die Eingänge sind ja nicht jeden Tag gleichmäßig,« sagte der eine; »aber das kann ich beschwören: jeden Sonnabend wird aufgearbeitet; und wenn ich bis zwölf Uhr des Nachts sitzen bleiben soll, bei mir findet der Registrator am Montag früh immer einen leeren Aktenständer.« »Jawohl,« entgegnete ihm der andere, »das kann ich bezeugen, bei uns wird es genau so gehalten, und in sämtlichen anderen Ministerien meines Wissens gleichfalls.«
Ein Bäckermeister in Berlin, der ein gutgehendes Geschäft in der Krausenstraße führte, war schon in der Zeit vor der Revolution beim Bürgerstand eine angesehene Persönlichkeit gewesen, indem er Vorsitzender eines bei der Polizei angemeldeten freisinnigen Vereins war; er hatte zwei Haussuchungen erlitten und war drei Wochen lang in Haft gehalten, weil die Polizei glaubte, daß er mit den Häuptern der internationalen Demokratie in Verbindung stehe. Als die Revolution gesiegt hatte, da wurde er zu verschiedenen Vertrauensämtern gewählt, denen er redlich und brav vorstand.
Seiner Frau war das politische Treiben von Anfang an nicht lieb gewesen. Sie sagte ihm, ein Bäcker habe die Reaktionäre ebenso zu Kunden wie die Demokraten; sie selber besorge den Laden, und der Mann gehöre in die Backstube; wenn der Meister außer dem Hause ist, dann tun die Gesellen nichts; es seien schon Klagen gekommen, und sie habe es ja auch selber gemerkt, daß der Teig nicht ordentlich geknetet werde; und was denn dergleichen Reden mehr sind. Man kann sich denken, wie die Haussuchungen und die Haft die gute Frau erregt hatten. Als aber die Revolution nun wirklich gekommen war, und ihr Mann einer der Führer des Volkes wurde, da überfiel sie eine unbeschreibliche Angst.
Zu den Kunden des Meisters gehörte der Geheimrat Wagener, welcher damals die Konservativen zum Widerstand sammelte, eine Zeitung begründete, die »Kreuzzeitung«, und als der entschiedenste Gegner der Revolution galt. Die Frau hatte vor ihrer Heirat in dem Hause gedient und verehrte den Geheimrat Wagener, der ihr immer als ein höheres Wesen erschienen war; und auch der Geheimrat und seine Familie hatten Elschen, denn das war der Name der Frau, immer gern gehabt wegen ihres treuen und aufrichtigen Gemüts, und Frau Wagener war auch Patin bei dem ältesten Kind geworden.
An einem Abend, kurz vor zehn Uhr, als gerade die Haustür schon geschlossen werden sollte, klingelte der Bäckermeister bei dem Geheimrat und verlangte den Herrn zu sprechen. Er wurde in das Arbeitszimmer geführt und entschuldigte sich dort vielmals, daß er störe; dann bat er darum, daß sein Besuch verschwiegen bleiben möge, denn er selber sei ja wohl nicht so einseitig und erkenne die Berechtigung des gegnerischen Standpunktes an; aber seine Freunde würden sagen, daß er das Volk an die Reaktion verrate, wenn sie erführen, daß er bei dem Herrn Geheimrat gewesen sei.
Nach dieser Vorrede begann er nun seine Gedanken vorzutragen. Er hatte die Geschichte der Französischen Revolution studiert. Man lebte in einer Revolutionszeit. Das Volk hatte gesiegt. Der Herr Geheimrat mußte doch zugeben, daß das Volk gesiegt hatte.