Der Talisman
Von Oskar Wöhrle
Unteroffizier Bück, im Leben vor dem Kriege Theologe, ein kleiner, schmächtiger Mensch, dem man den Bücherhocker schon in der ersten Minute ansah, war der einzige von den Einjährigen-Unteroffizieren, der das Eiserne nicht hatte. Trotzdem, so ging die Meinung der ganzen Batterie, das heißt aller Kanoniere, hätte er es zehnmal eher verdient als mancher andere; denn er war ein Kerl, der mit einer unglaublichen Waghalsigkeit vorging.
Bei Sachen, vor denen es selbst den abgebrühtesten Infanteristen graulte, zeigte er, der Artilleriehilfsbeobachter, einen solchen Schneid, als hätte er Zeit seines Lebens mit den russischen Pimpatschen zu tun gehabt.
Galt's eine verlorene Patrouille vorzutreiben, Bück war dabei. Galt's eine feindliche Beobachtungsstelle auszuknobeln, Bück erknobelte sie. Galt's eine Leitung zu legen in schwierigem Gelände, im Artilleriefeuer, Bück legte sie. Und alle seine Verrichtungen tat er, dem Gefauche der blutgierigen Schrapnelle zum Hohn, mit einer Unbekümmertheit, als sei er unverwundbar.
Wir, seine Kameraden, warnten ihn mehr als einmal, sein Leben nicht so leichtsinnig aufs Spiel zu setzen.
»Ach was!« sagte er. »Was heißt Gefahr? Mumpitz! Mir tut keine Kugel was, ich habe einen Talisman.«
»Sie, der Bibelpflüger, einen Talisman?«
Er lachte nur zu unseren Erstaunungen und sagte in seiner etwas schüchternen Art:
»Und wenn ihr erst wüßtet, was für einen!«