»Nicht, daß ich wüßte,« sagte der Rittmeister, »übrigens darf ich höflichst darauf hinweisen, daß der Herr General – bisher wenigstens – von diesen jüdischen Eigenschaften nichts bemerkt haben.«
Das war richtig. Wie war es aber auch nur möglich gewesen, daß er nichts bemerkt hatte!
»Sie wollen sich also nicht verstehen, Ihren Beförderungsvorschlag zurückzuziehen?«
»Aber Herr General!« sagte der Rittmeister, »Sie selber haben den Vorschlag doch einverlangt! Und wie sollte ich einen Beförderungsvorschlag für einen Untergebenen zurückziehen dürfen, den ich nach Pflicht und Gewissen eingereicht habe? Der Vizewachtmeister, der gestern ein so vortrefflicher Mann war, ist heute kein andrer, weil er ein Jude ist.«
Der General ging. So war nichts zu machen. Wenn er nicht den Rittmeister überzeugen konnte, daß K– ganz unerträglich jüdische Eigenschaften habe, würde er ihn nicht vermögen, den Beförderungsvorschlag zurückzuziehen. Aber der Rittmeister war doch nicht blind. Und K– mußte doch derartige Eigenschaften haben. – Der General zog die Weitergabe des Beförderungsvorschlags eine Zeitlang hin. Noch immer hoffte er den Rittmeister zu entwaffnen.
Tagtäglich fast verhandelte er den Fall. Und immer spielten die jüdischen Eigenschaften, die er an seinem Ordonnanzoffizier entdeckt haben wollte, die Hauptrolle in seinen Argumenten. Aber wenn er sie benennen wollte, so hatten sie Namen wie andere Eigenschaften und schienen ihn höhnisch anzusehen, als ob sie sagen wollten: auch du hast Eigenheiten. Und dennoch: der Vizewachtmeister hatte eben jüdische Eigenschaften, die bei einem preußischen Offizier ganz unerträglich zu denken waren. Davon biß keine Maus einen Faden ab.
So lief die Sache eine Woche oder zwei. Eines Tages hatte der General den Rittmeister wieder bei seinem Gegenstand. »Sie mögen mir sagen, was Sie wollen«, sagte er zu ihm, »K– hat jüdische Eigenschaften, eigentlich nur jüdische Eigenschaften! Sie müssen zugeben, daß er jüdische, unerträglich jüdische Eigenschaften hat!«
Der Rittmeister bedachte sich. So, wie es bisher gegangen war, kam er nicht weiter.
»Tja! Herr General,« sagte er auf einmal fast verwundert, »da er doch ein Jude ist, was soll denn der junge Mann andere Eigenschaften haben als jüdische?«
Da geschah etwas Merkwürdiges. Es erging nämlich dem General wie dem Knaben beim Tauziehen, der, fest gegen die Erde gestemmt, mit aller Kraft den Gegner zu sich herüberziehen will; jener aber läßt urplötzlich das Seil fahren. Der General fühlte sich am Boden. Er hatte zwar eine unbestimmte Empfindung, als ob bei diesem Sieg und dieser Niederlage nicht alles mit rechten Dingen zugehe, aber er vermochte es nicht zu fassen. Daß er der Sieger war, entging ihm. Die Tatsache, daß ihm der Boden entzogen war, blieb.